Eigentlich blicken wir bei Neue Narrative eher auf die halb vollen als auf die halb leeren Gläser. Aber in dieser Kolumne wollen wir die Aufmerksamkeit auf ein Thema lenken, das uns wütend macht. Diesmal: Die Aussage, man solle sein Geld für sich arbeiten lassen. Denn dahinter verbirgt sich eine zynische und ausbeuterische Weltsicht.
Die Selbsthilfeliteratur ist voll davon: dem Ratschlag, endlich aus der Mühsal des Arbeitslebens auszusteigen und sein Geld für sich „arbeiten zu lassen“.1 Warum jeden Euro mit harter Lohnarbeit verdienen, wenn es auch entspannt aus der Hängematte geht? Lass dein Geld für dich arbeiten: Bau dir ein Anlagen-Portfolio auf, dessen Wert schneller wächst, als du Geld ausgeben kannst.
Doch so schön dieses Versprechen klingt: Kann Geld überhaupt arbeiten? Woher kommt dieser Gedanke und sitzen wir dabei nicht einem riesengroßen Schwindel auf?
Was gern verschwiegen wird: Geld vermehrt sich vor allem dann, wenn man bereits viel davon besitzt. Wer zwei, zehn oder hundert Millionen Euro zum Investieren hat, kann in der Regel gut von der Rendite seiner*ihrer Investments leben. Mit 20.000 oder 50.000 Euro wird die Sache schon schwerer, wenn nicht unmöglich. Je größer das Vermögen, desto größer ist auch die Rendite.2
Für die meisten Menschen ist es vollkommen unrealistisch, innerhalb eines Arbeitslebens so viel Geld aus der Lohnarbeit anzusparen, dass sie es für sich arbeiten lassen könnten. In den allermeisten Fällen stammt so viel Kapital nicht aus Arbeit, sondern aus Erbschaften.3

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Magazin kostenlos lesenImmerhin: In Deutschland leben über 800.000 Menschen, die so vermögend sind, dass sie nicht auf Arbeit angewiesen sind.4 Und natürlich gibt es auch jenseits des oberen einen Prozents Menschen, die jeden freien Euro in ETFs oder Immobilien stecken und sich freuen, wenn dabei eine möglichst große Rendite herausspringt.
Und wer könnte es ihnen vorwerfen? Geld zu investieren wird nicht nur auf YouTube-Channels und in Finanzratgebern empfohlen, sondern auch von Bankberater*innen.5 Also, was soll so schlecht daran sein, sein Geld für sich arbeiten zu lassen?
Wir erschaffen Geldmythen, die der Gesellschaft schaden
Unser Umgang mit Geld ist geprägt von Mythen und Narrativen. Bei genauem Hinsehen zeigt sich: Dahinter verbergen sich oft Glaubenssätze, die uns schaden und die Gesellschaft spalten.
Ein berühmtes Beispiel ist der Ausspruch von John Paul Getty: „Über Geld spricht man nicht.“ Klingt harmlos und sogar plausibel. Doch das genaue Gegenteil wäre sinnvoll: Weil Vermögen ungerecht verteilt sind und selten mit Leistung oder einem Beitrag zur Gesellschaft zu tun haben, ist es gerade wichtig, möglichst viel über Geld zu sprechen und immer zu fragen, wo es herkommt. Getty etwa, seinerzeit der reichste Mann der Welt, hat sein Vermögen mit Erdöl gemacht. Dem Verbrennen von Erdöl haben wir einen Großteil des menschengemachten Klimawandels zu verdanken.6
Nicht über Geld zu sprechen beinhaltet auch, den Status quo zu akzeptieren und keine Fragen zu stellen: ob es beispielsweise fair und gut für die Gesellschaft als Ganze ist, wenn einige Personen im Geld schwimmen, während ein großer Teil der Bevölkerung nicht einmal genug verdient, um ein Leben in Würde zu führen.
Dass über Geld nicht gesprochen werden soll, verstärkt bei armen Menschen oft sogar noch die Scham und hält sie davon ab, ihre Notlage zu artikulieren. So nehmen viele Menschen, die sie eigentlich bräuchten, aus Scham keine Sozialleistungen an.7
Es lohnt sich also, solche vermeintlichen Volksweisheiten zu hinterfragen: Warum sollen wir nicht über Geld sprechen? Wer hat diese Aussage in die Welt gesetzt? Welche Haltung wird damit transportiert und wem nützt sie?
Themen-Kollektion: Geld
Jetzt durchstöbern!Wenn Geld arbeitet, werden Menschen und endliche Ressourcen ausgebeutet
Wie ist das nun mit dem Geld, das angeblich für uns arbeiten kann? Die Antwort ist simpel: Geld arbeitet nicht. Es kann sich auch nicht von selbst vermehren.
Wenn Geld „arbeitet“, sich also ohne Zutun vermehrt, dann fußt das immer auf zwei Elementen:
Erstens basiert die Rendite auf der Arbeit anderer Menschen, die entsprechend weniger Geld haben, weil ein Teil ihres Arbeitslohns in meine Rendite fließt. Ein einfaches Beispiel hierfür ist Immobilienspekulation: Wenn sich eine Immobilie, die mir gehört (oder einem Fonds, an dem ich beteiligt bin), ohne mein Zutun im Wert verdoppelt, dann heißt das, dass irgendjemand mehr von seinem*ihrem Lohn für die Miete bezahlen muss.8 Das durch Arbeit verdiente Geld, das in die höhere Miete fließt, ist meine Rendite. Die gleiche Logik gilt, wenn ich als Investor*in oder Anleger*in an einem Unternehmen beteiligt bin: Meine Rendite wird von Menschen, die im Unternehmen arbeiten, erwirtschaftet und ihnen vom potenziellen Lohn abgezogen.

Zweitens bedeutet fast jede wirtschaftliche Tätigkeit, in die ich investieren kann, eine Ausbeutung von Ressourcen – und damit verbunden einen Ausstoß an Emissionen. Wenn ich in einen All-World-ETF investiere, weil es dort die größte Rendite gibt, wird diese Rendite ziemlich sicher auch mit Bergbau und umweltverschmutzender Schwerindustrie in Schwellenländern erwirtschaftet.9 Das gilt auch für viele vermeintlich grüne Anlagen.10
Wenn mein Geld für mich arbeitet, bedeutet das also etwas zugespitzt: Ausbeutung von Menschen und Ausbeutung von natürlichen Ressourcen.
Davon bekomme ich als Anleger*in in aller Regel nichts mit. Das ändert aber nichts daran, dass das die Dynamik ist, auf der meine Rendite basiert. Falls dir das unplausibel erscheint, spiel es doch einmal am Beispiel einer echten oder fiktiven Investition durch: Woher kommt die Rendite, die dort erzielt wird?
Das Zeitalter des Shareholder-Value-Kapitalismus überwinden
Die beiden Narrative, nicht über Vermögensverhältnisse zu sprechen und sein Geld für sich arbeiten zu lassen, passen wunderbar ins aktuelle Zeitalter des Shareholder-Value-Kapitalismus. Wie der frühere Daimler-Vorstandsvorsitzende Edzard Reuter in einem Interview im Wirtschaftsmagazin brand eins sagte, ist Shareholder-Value-Kapitalismus eine „völlige Fehlinterpretation von Marktwirtschaft“.11 Reuter findet es „unerträglich, wenn Unternehmen nur Profitmaximierung verfolgen – ohne Rücksicht auf die Beschäftigten, die Umwelt, das Klima oder die Steuergerechtigkeit.“
Genau das sehen wir aber gerade: eine Wirtschaft, in der ungezügeltes Profitstreben nicht nur toleriert, sondern sogar belohnt wird. Wir erleben jeden Tag, wohin uns diese Ideologie in den letzten dreißig Jahren gebracht hat:12 Demokratien zerfallen, die Klimakrise eskaliert, während sich die Überreichen Festungen bauen und Privatarmeen rekrutieren. Und dann wird uns auch noch suggeriert, dass es erstrebenswert sei, ihnen nachzueifern, ihre Anlagestrategien zu befolgen und unser Geld für uns arbeiten zu lassen.
Was wir brauchen, ist ein neues Verständnis von Arbeit und Vermögen und eine Umverteilung von Scham
Gegenwärtig sind so viele Bilder schief, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll: Exzessiver Reichtum sollte nicht mehr als etwas Erstrebenswertes gesehen werden, sondern nüchtern als das, was er ist: der Auswuchs eines toxischen Systems, das für niemanden gut ist und deshalb eines Updates bedarf.
Ob als Überreiche*r oder Normalverdiener*in – Geld für sich arbeiten zu lassen, sollte nicht länger als etwas Positives gelten. Stattdessen muss die ganze Wahrheit ans Licht, nämlich: Wo immer Geld „arbeitet“, werden Menschen und natürliche Ressourcen ausgebeutet.
Wenn Menschen ihr Geld für sich arbeiten lassen, sollten wir das als das bezeichnen, was es ist: leistungsfreies Einkommen.
Aktuell wird der Begriff des leistungsfreien Einkommens vor allem dazu verwendet, Arbeitslosen und Sozialleistungsempfänger*innen Scham- und Schuldgefühle zu machen. In einer Gesellschaft, die fair und sozial sein will, sollten wir den Menschen Verständnis und Unterstützung entgegenbringen, statt sie auszugrenzen und ihnen Scham und Schuld zuzuschieben. Ich glaube, dass viele Menschen die aktuellen Verhältnisse als ungerecht empfinden, weil Leistung eben nicht oder völlig unverhältnismäßig belohnt wird. Viele haben den Eindruck, dass sich mit „anständiger Arbeit“ kein angemessenes Einkommen erzielen lässt.

Die Wut über diese Ungerechtigkeit ist mehr als berechtigt. Doch sollten wir sie endlich in die richtige Richtung lenken, und zwar auf jene, die andere Menschen und unseren Planeten ausbeuten, um damit riesige Vermögen anzuhäufen. Sie sind die wahren „sozial Schwachen“, denn sie zersetzen die Gemeinschaft, von der sie profitieren. Sie erzielen ein leistungsfreies Einkommen, und zwar keine 500 Euro im Monat, sondern Milliarden und Abermilliarden – Geld, das eigentlich gebraucht wird, um den Klimaschutz zu finanzieren und Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen.
Wir brauchen kein Hochfeiern von Milliardären und Investment-Genies. Sie tun nichts weiter, als strukturelle Ungleichheiten auszunutzen. Sie sind unverdiente Gewinner in einem durch und durch ungerechten System.
Stattdessen brauchen wir Wertschätzung für echte, wertvolle Arbeit an der Allgemeinheit. Und das bedeutet nicht Klatschen, sondern muss sich in Euros auf dem Konto widerspiegeln.
Denn nein, Geld arbeitet nicht – aber die, die sinnvolle Arbeit machen, sollten viel mehr davon bekommen.
Take-aways
- Geld arbeitet nicht, Menschen arbeiten. Renditen entstehen durch Ausbeutung von Menschen und endlichen Ressourcen.
- Das Versprechen des passiven Einkommens lockt viele, aber nützt vor allem denen, die viel haben. Viel von dem, was wir uns zu Geld und Vermögen erzählen, stützt ein ungerechtes System.
- Wer ein gerechteres System will, muss Vermögen, aber auch Scham umverteilen.
FUßNOTEN
- 1
Unter dem Suchbegriff „Make money work for you“ finden sich unzählige Treffer auf Amazon. ↩
- 2
Thomas Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert (C. H. Beck, 2014), S. 266. ↩
- 3
- 4
Statista: „809.000 Menschen müssen nicht arbeiten“ (2023). ↩
- 5
Dass „Finanzberater“ oft eher aktiv bestimmte Anlageprodukte vertreiben, an deren Verkauf sie selbst mitverdienen, hat z.B. Gerhard Schick in seinem Buch Die Bank gewinnt immer (Campus, 2020) gut beschrieben. ↩
- 6
Hannah Ritchie, Pablo Rosado, Max Roser: „Fossil Fuels“, Our World in Data (2022). ↩
- 7
Jana Friedrichsen & Renke Schmacker: „Die Angst vor Stigmatisierung hindert Menschen daran, Transferleistungen in Anspruch zu nehmen“ (2019). ↩
- 8
Natürlich können Haus- und Wohnungseigentümer*innen in Ländern wie Deutschland nicht einfach nach Belieben die Mieten erhöhen. Mittelfristig zeigt sich aber genau dieser Effekt: Durch Immobilienspekulation steigen die Mieten, die Rendite bezahlen also die Mieter*innen. ↩
- 9
Die Datenbank Faire Fonds erstellt Ratings für verschiedene Anlageprodukte. ↩
- 10
WirtschaftsWoche: „Vorsicht: ‚Greenwashing‘ im Finanzsektor“ (2023). ↩
- 11
Celine Schäfer & Stefan Scheytt: „Es gibt keinen anderen Weg als strengere Regeln“, brandeins (2023). ↩
- 12
Für eine Geschichte der letzten Jahrzehnte und des Abbaus der sozialen Marktwirtschaft siehe z. B. Anita Blasberg: Der Verlust (Rowohlt, 2022). ↩