Spiel und Arbeit gelten oft als Gegensätze. Zu Unrecht, denn sogenannte Serious Games können helfen, komplexe Unternehmensziele zu erreichen. Doch für welche Probleme eignen sich welche Spiele und was müsst ihr beachten, damit sie in eurem Team ihre Wirkung entfalten?
Schon seit den 1950er-Jahren arbeiten Konzerne mit Planspielen, z. B. um Führungskräfte auszubilden. Computergestützte Varianten folgten zehn Jahre später. Heute werden sogenannte Serious Games in immer mehr Arbeitsprozessen eingesetzt, sei es, um mit LEGO-Figürchen die Firmenstrategie durchzuspielen, beim Onboarding, im Innovationsmanagement oder im Vertrieb. Denn Spiele haben viele Vorteile gegenüber anderen Methoden, Wissen zu vermitteln oder Fähigkeiten zu trainieren. Durch sie können wir Situationen, Szenarien und Probleme durchspielen, die wir durch rein theoretische Diskussionen nie ganz durchdringen könnten. So können wir uns spielerisch Inhalte erschließen, die ansonsten schwer und trocken wirken.
Was sind Serious Games?
Serious Games ist ein Überbegriff für Spiele, die nicht primär der Unterhaltung, sondern Lern- oder Trainingszwecken dienen. Sie können trotzdem sehr viel Spaß machen.
Geprägt hat den Begriff Serious Games der deutsch-amerikanische Sozialforscher Clark C. Abt mit seinem Buch Serious Games (Ernste Spiele, 1970). Genau genommen gibt es Serious Games aber schon seit Jahrhunderten. Sie sind ursprünglich in einem wirklich ernsten Kontext entstanden: Krieg. Kriegsspiele setzten sich als methodisches Werkzeug durch, weil sie Militärstrategen die Möglichkeit boten, Taktiken, Handlungsoptionen und mögliche Gefechtsausgänge greifbar zu simulieren. Richtig populär wurde der Begriff Serious Games in den 2000er-Jahren, als digitale Technologien neue Einsatzmöglichkeiten eröffneten – seitdem kommen spielbasierte Lern- und Trainingskonzepte verstärkt in Bildung, Wirtschaft und öffentlichen Institutionen zum Einsatz.
Heute gibt es unzählige Spielarten von Serious Games: von Simulationsspielen über Rollenspiele bis zu Computerplanspielen. Sie kommen in Recruiting und Kommunikation zum Einsatz, in Strategieentwicklung und Produktinnovation. Dabei muss der Einsatz von Spielen nicht zwingend von (externen) Organisationsentwickler*innen oder Führungskräften initiiert werden, um Trainings, Workshops oder Strategieprozesse zu gestalten. Im Grunde kann jede*r im Team die Rolle „Spielbeauftragte*r“ übernehmen, passende Spiele recherchieren und diese anleiten. Aber was spielt ihr wann? Welche Probleme löst ihr spielerisch am besten? Und wie geht ihr mit Spielverderber*innen um?
Welches Spiel wofür?
Simulationsspiele
Simulationsspiele bilden reale Situationen in einer risikofreien Lernumgebung nach. Ihr trefft Entscheidungen und erlebt deren Auswirkungen. Das hilft, Zusammenhänge zu verstehen und Kompetenzen praxisnah zu trainieren.
1. Planspiele
Planspiele kommen aus der militärischen und politischen Bildung, sind aber inzwischen auch ein Klassiker der Organisationsentwicklung. Es gibt analoge Planspiele, wie das in den 1960er-Jahren am MIT entwickelte Brettspiel Beer Game. Darin übernehmen die Spieler*innen verschiedene Rollen innerhalb einer Lieferkette von der Brauerei bis zum Einzelhandel. Eines der bekanntesten digitalen Planspiele ist MARGA. Darin führen Spieler*innen im Team ein Unternehmen. Dabei stehen sie in direktem Wettbewerb mit anderen Teams. Firmen wie Bosch und DB Cargo nutzen MARGA in ihren Trainee-Programmen für junge Führungskräfte. Daneben gibt es auch hybride Spiele mit analogen und digitalen Elementen oder Planspiele, in die eine generative KI integriert ist.
Vorteil:
Konsequenzen von Entscheidungen lassen sich ohne reales Risiko erleben; bei Videospielen ist die Teilnahme auch remote möglich
Für welche Probleme eignet sich der Spieltyp?
Strategie, Führung, Change-Prozesse, betriebswirtschaftliches Systemverständnis
So spielt ihr:
Die Spieler*innen versetzen sich in ein fiktives Szenario, übernehmen eine Figur auf dem Spielbrett oder in der virtuellen Umgebung und bekommen eine Herausforderung gestellt, z. B. „Expansionsstrategie in neuen Märkten erarbeiten“. Hierfür treffen sie Entscheidungen, stellen z. B. Personal ein oder planen Investitionen. Am Ende können sie abgleichen, was ihr Verhalten in der realen Welt bewirkt hätte.

2. Rollenspiele (Business Role Plays)
Rollenspiele basieren auf einem ähnlichen Prinzip wie Planspiele, nämlich der Simulation realer Situationen. Nur findet das Ganze ohne Spielbrett oder virtuelle Umgebung statt, sondern als Schauspiel im realen Raum. Solche Rollenspiele werden beispielsweise in MBA-Programmen in Harvard eingesetzt.
Vorteil:
Sehr realitätsnah; direktes Feedback auf eigenes Verhalten
Für welche Probleme eignet sich der Spieltyp?
Training von Verhaltensweisen, besonders in der Führungskräfteentwicklung, aber auch Konfliktgespräche und Kommunikationsmodelle wie etwa aktives Zuhören oder GfK (Gewaltfreie Kommunikation)
So spielt ihr:
Spieler*innen erhalten eine konkrete Situation, z. B. „schwieriges Feedbackgespräch“, „Verhandlung“, „Konflikt mit Stakeholder*in“, und spielen für eine begrenzte Zeit (ca. 5–20 Minuten) eine Rolle, z. B. Führungskraft, Mitarbeitende oder Kundin. Eine beobachtende Gruppe oder ein*e Trainer*in schauen zu.
Am Ende reflektieren alle gemeinsam das Verhalten der Spielenden: Was hat funktioniert? Wo entstanden Konflikte? Welche Handlungsalternativen hätte es gegeben? Häufig nutzt man eine weitere Runde („Replay“) zur Verbesserung des Verhaltens.


Der Workshop-Baukasten für wirkungsvolle Teams
Mehr erfahrenKollaborative Entwicklungsspiele
Kollaborative Entwicklungsspiele spielt ihr in der Gruppe. Sie fördern den Austausch und machen komplexe Zusammenhänge innerhalb des Teams greifbar. Gleichzeitig schaffen sie in lockerer Atmosphäre einen Rahmen, in dem ihr neue Perspektiven entwickeln, Vertrauen aufbauen oder kreative Lösungen für organisatorische Herausforderungen erarbeiten könnt.
3. Kooperative Teambuildingspiele
Bei kooperativen Teambuildingspielen bekommen Gruppen strukturierte spielerische Aufgaben, die sie nur gemeinsam lösen können. Solche Spiele werden häufig bei Trainings, Workshops oder Team-Tagen eingesetzt.
Vorteil:
Fördert Zusammenhalt und schafft gemeinsame spaßige Erfolgserlebnisse
Für welche Probleme eignet sich der Spieltyp?
Teamzusammenhalt, Kommunikation, Vertrauen, Zusammenarbeit
So spielt ihr:
Ihr teilt euer Team in Gruppen auf und gebt ihnen eine witzige Challenge, die sie gemeinsam lösen müssen. Dabei könnt ihr auch mehrere Gruppen gegeneinander antreten lassen.
Zwei einfache Spielideen: Klassiker aus der Teamentwicklung
Das Spinnennetz: Der*die Spielleiter*in spannt zwischen Bäumen oder Stühlen netzartig (nicht zu eng) ein Seil. Jede Person aus der Gruppe muss durch eine andere Öffnung klettern, ohne das Seil zu berühren.
Die Marshmallow-Challenge: Jedes Team hat 20 Minuten Zeit, um aus 20 rohen Spaghetti, einem Meter Klebeband, einem Meter Schnur und einem Marshmallow einen möglichst hohen Turm zu bauen. Das Marshmallow muss auf der Spitze thronen.

4. Organisationsentwicklungsspiele
Diese Spiele unterscheiden sich in ihren Mechaniken teils sehr voneinander, verfolgen aber ähnliche Ziele. Indem sie Um-die-Ecke-Denken, Flexibilität und Problemlösungskompetenzen fördern, dienen sie dazu, Skills aus der Organisationsentwicklung wie Selbstorganisation, Design Thinking oder agile Methoden zu trainieren.1
Vorteil:
Abstrakte Konzepte werden leichter zugänglich und anschlussfähiger
Für welche Probleme eignet sich der Spieltyp?
Innovation, Produktentwicklung, Kreativität, Lösungsentwicklung, kreatives/agiles Denken trainieren
So spielt ihr:
Meist spielt ihr mit Karten, Spielbrettern oder anderen Materialien, auf denen bestimmte Organisationsprobleme spielerisch aufbereitet sind. Ein Beispiel ist das Spiel Delegation Poker2, das Teams auf dem Weg in die Selbstorganisation hilft. Darin sucht ihr zunächst eine konkrete Entscheidung oder Verantwortung aus (z. B. „Wer entscheidet über Urlaubsfreigaben?“). Jetzt wählen alle Spieler*innen verdeckt eine Karte mit einer Delegationsstufe von 1 bis 7 (von „Manager*in entscheidet allein“ bis „Team entscheidet vollständig gemeinsam“). Dann decken alle gleichzeitig auf. Anschließend erläutern alle ihre Sichtweise. Nach einer Diskussion legt ihr eine gemeinsame Delegationsstufe fest.
Ein anderes Beispiel ist Moonshot3, das ein positives Innovationserlebnis z. B. in UX- und Produktentwicklungsteams erschafft. In Moonshot stellen sich Spieler*innen eine Frage wie „Welche Produkte könnten wir entwickeln, die wir noch nicht auf dem Schirm haben?“ und treten dann mit ihren Ideen gegeneinander an. Auf Challenge- und Item-Karten finden sich teils skurrile Kreativitätstechniken und Gedankenanstöße, um die eigenen Ideen weiterzuentwickeln.

5. LEGO Serious Play & Playmobil Pro
LEGO Serious Play (LSP) und Playmobil Pro sind spielerische Tools, die mithilfe von LEGO-Steinen oder Playmobil-Figuren implizites Wissen sichtbar machen sollen. Hier wird sozusagen mit den Händen gedacht, um abstrakte Themen und Gedanken greifbar zu machen. Hierfür bieten die Spielwarenhersteller spezielle Sets mit entsprechenden Steinen und Figuren an.
LSP-Facilitatorin Corinne Benzing erklärt den Vorteil der Methode damit, dass drei Faktoren zusammenspielen, wenn wir mit den Händen Modelle bauen – Hirn, Hand und Herz: „Wenn die drei zusammenkommen, entstehen einfach die besten Ideen. Ich aktiviere mein Bauchgefühl und beide Hirnhälften: die linke, analytische, und die rechte, emotionale und kreative.“
Vorteil:
Alle Beteiligten kommen zu Wort; das haptische und bildliche Modell bleibt in Erinnerung; hohe Akzeptanz von LEGO aufgrund von Nostalgie; Zeitdruck und Bau-Flow dämpfen die innere Bewertung
Für welche Probleme eignet sich der Spieltyp?
Strategie- oder Produktentwicklung, Visionen und Leitbilder entwickeln, Zusammenarbeit und Kommunikation verbessern
So spielt ihr:
Jeder LSP-Zyklus startet mit einer Frage, die komplexes Denken vom Team erfordert, z. B.: „Wie sieht euer Idealteam in fünf Jahren aus?“, „Was muss die Führungskraft der Zukunft können?“ oder: „Was bedeutet Unternehmensidentität für euch?“ Dann gibt es ein kurzes Zeitfenster (z. B. drei Minuten), in dem die Teilnehmenden ohne weitere Anweisungen aus den bereitgestellten Spielsteinen ein Modell bauen, das auf die Frage antwortet. In der Regel werden Bauaufträge immer so formuliert: „Baue ein Modell von …“ Dies fördert das Denken in Metaphern, anstatt naturgetreue Nachbildungen zu bauen. Hierbei können sie die einzelnen LEGO-Steine frei interpretieren: Für die eine Person kann ein schwarzer Reifen als Lenkrad Kontrolle symbolisieren, für die andere ein Hamsterrad. Idealerweise reden die Bauenden nicht miteinander. Nach Ablauf der Zeit erklären alle Teilnehmenden ihr Modell und beantworten Fragen. Manchmal kombiniert das Team am Ende Modelle, um eine gemeinsame Antwort auf die Frage zu bauen.

Trainingspiele
Damit sind Trainings gemeint, die in Form eines Spiels gezielt Wissen vermitteln. Häufig sind die Abschlussraten solcher Trainings höher als bei nicht-spielerischen Versionen. Die Übergänge zwischen Trainingsspielen und sogenannter Gamification sind fließend.
Häufig werden gamifizierte Lerninhalte und Game-based Learning verwechselt oder synonym verwendet. Die Linie ist auch hauchdünn. Zur Unterscheidung:
Gamification bedeutet, Spiel-Elemente in einem Nicht-Spiel-Setting zu benutzen: Punkte, Abzeichen, Rankings, Level, Rätsel etc.
Beispiel: Der Kurs zur Internetsicherheit besteht wie gewohnt aus Info-Folien, hat aber einen Fortschrittsbalken, lässt uns bestimmte Informationen durch Challenges freispielen und belohnt richtige Quizfragen mit dem Badge „Cyber-Security-Profi“.
Game-based Learning heißt, dass ein komplett neues Spiel nur für den Schulungszweck entworfen wird.
Beispiel: Du bist ein virtueller Mitarbeiter, läufst durch ein digitales Büro und musst mit anderen Spieler*innen eine Sicherheitslücke im System schließen.
6. Educational Games
Die Klassiker in Unternehmen sind obligatorische Schulungen zum Erlernen von Fachwissen, z. B. IT-Sicherheit oder Arbeitsschutz. Educational Games können aber alles vermitteln: von Musiktheorie über Quantenphysik zu Künstlicher Intelligenz. Interaktive Quiz- und Lernspiele, z. B. von der Lernplattform Kahoot!, decken viele klassische Schulfächer ab. Es gibt auch medizinische Schulungsspiele wie das Videospiel Re-Mission, in dem junge Krebspatient*innen etwas über ihre Therapie und Medikamenteneinnahme lernen.
Vorteil:
Hohe Motivation und Hirnaktivierung durch Emotionen und Storys; aktive Beteiligung und Immersion hilft bei Wissensaufnahme (auch stärker als bei gamifizierten Schulungen)
Für welche Probleme eignet sich der Spieltyp?
Jede Form von Fachwissen lehren
So spielt ihr:
Viele Educational Games sind Online-Spiele, bei denen man in einer virtuellen Umgebung auf eine Lernreise geht. Bei Re-Mission spielt der*die Patient*in einen kleinen Roboter, der durch den Körper fliegt und mit unterschiedlichen Medikamenten auf die Krebszellen schießt.
Übrigens: Fahr- und Flugsimulatoren, etwa für Kranführer*innen oder Pilot*innen, sind im weitesten Sinne auch Trainings- bzw. Simulationsspiele. Sie nutzen spieltypische Elemente wie Regeln, Ziele, Feedback und wiederholbare Herausforderungen, verfolgen aber ein konkretes Ziel: den sicheren Umgang mit komplexen Maschinen.

7. Business Escape Games
Business Escape Games sind an die beliebten Escape Rooms und Exit Games angelehnt. Die Spielhandlung ist oft auf Lernziele ausgerichtet, z. B. Kundenservice, Digitalisierung oder neue Technologien wie KI. Deshalb ist das Storytelling meist besonders ausgefeilt.
Neben fertigen Escape Rooms gibt es Firmen wie Die Spielarchitekten, die individuell auf die jeweiligen Anforderungen zugeschnittene Spiele bauen. Der Mobilfunkanbieter O2 Telefónica hat z. B. einen Escape Room entwerfen lassen, in dem Mitarbeitende Zukunftstechnologien kennenlernen und ihre Kundenservice-Kompetenzen trainieren können. Manche Unternehmen nutzen Escape Games aber auch, um im Recruiting analytische oder soziale Fähigkeiten unter Zeitdruck zu bewerten, oder für das Employer Branding. So entwickelte das Klinikum Dortmund während der Corona-Pandemie ein interaktives Escape Game auf Instagram. In einem stillgelegten OP-Saal löste eine Mitarbeiterin live verschiedene Aufgaben, um ein fiktives Unfallopfer zu retten, während ca. 1.000 Zuschauerinnen über Instagram Hinweise gaben und Entscheidungen mitbestimmten. So wollte das Klinikum mit potenziellen Bewerberinnen in Kontakt treten.
Vorteil:
Ähnlich wie bei anderen Educational Games, hier zusätzlich hohe Akzeptanz aufgrund der Beliebtheit von Escape Games
Für welche Probleme eignet sich der Spieltyp?
Fachwissen trainieren; Recruiting, Onboarding; Teambuilding
So spielt ihr:
Die Mitarbeitenden lösen in kleinen Teams oder allein unter Zeitdruck Rätsel, Codes und Aufgaben, die an reale Unternehmenssituationen angelehnt sind. Dabei müssen sie kreativ sein, logisch denken, zusammenarbeiten und Entscheidungen treffen. Escape Rooms trainieren also mehrere Skills parallel. Bei einem Escape Game im Bereich Teambuilding lösen die Kolleg*innen Aufgaben, bei denen unterschiedliche Stärken und Persönlichkeitsmerkmale erforderlich sind.

Erfolgsfaktoren für Serious Games
Bleibt noch die Frage, wie ihr das richtige Spiel wählt. Ein gutes Serious Game verknüpft Ziele mit Emotionen und Bildern und ermöglicht den Spielenden, tatsächlich in eine andere Welt einzutauchen, anstatt nur Punkte zu sammeln. Wichtig ist, dass die Lerninhalte wirklich in das Spiel integriert sind, sagt Serious-Game-Entwickler Philipp Busch. Deshalb solltet ihr Games mit sequenziellem Design lieber meiden. Sequenziell heißt hierbei, dass sich Spielsequenzen und langweilige Aufgaben abwechseln. Ein Beispiel: In einem Stochastik-Training spielen wir ein aufregendes Autorennspiel, aber nach einer Runde müssen wir erst mal zehn langweilige Rechenaufgaben lösen. „Das nennen wir als Game-Designer den chocolate-covered broccoli“, sagt Busch. „Der Brokkoli schmeckt immer noch furchtbar, auch wenn ich da ein bisschen Schokolade drüber geschmiert habe.“ Motivierender ist es, wenn die Rechenaufgaben Teil des Spiels sind.
Ein weiterer wichtiger Faktor für die Arbeit mit Serious Games ist die Wirkungsmessung, damit die Ergebnisse nicht verpuffen, sagt Busch. Um den Erfolg messbar zu machen, hilft es, wenn ihr von Anfang an klare Ziele formuliert. Bei einer Schulung für IT-Sicherheit wäre ein Erfolg, wenn Mitarbeitende häufiger verdächtige E-Mails erkennen und melden oder seltener auf Phishing-Links klicken. Bei den krebskranken Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die das oben erwähnte Re-Mission spielten, wurde durch A/B-Tests wissenschaftlich nachgewiesen, dass sich die Therapietreue, also die regelmäßige Medikamenteneinnahme, signifikant verbesserte.
Wichtig ist auch, die gewonnenen Impulse zu verstetigen. Nach dem Spiel solltet ihr Erfahrungen und Erkenntnisse gemeinsam auswerten und konkrete Handlungsschritte und Maßnahmen ableiten, um die Ergebnisse in den Arbeitsalltag zu überführen.
Umgang mit Spielverderber*innen
inklusive Spielregeln für mehr Anschlussfähigkeit
Mindestens eine Person im Team sagt jetzt vermutlich: „Och nöööö … Kein Bock. Ich hasse Spiele!“ Skeptische Teilnehmer*innen können allen das Spiel madig machen. Hier sind ein paar Spielregeln, um das zu verhindern.
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Keine Überraschungen: „Surprise: Wir spielen heute was!“ Das Risiko, dass Leute bei einem Wurf ins kalte Wasser streiken, ist hoch. Daher: alle an Bord holen und die spielerische Aktivität im Vorfeld ankündigen.
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Spiel ernst framen und nicht als Spaß verkaufen: Spiel ist noch immer stigmatisiert. Wenn ihr klar macht, dass ihr nicht künstlich Spaß erzeugen, sondern Ergebnisse hervorbringen wollt, und zudem wissenschaftlich fundiert erklären könnt, warum spielerische Methoden kein Kinderkram sind, sondern das Unternehmen ernsthaft weiterbringen, wird es einige Kritiker*innen weniger geben.
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Kritik anhören: Falls jemand die Spielidee im Vorfeld ablehnt, hört genau hin: Was kritisiert die Person konkret? Den Rahmen, den Ton, das Ziel? Oft geht es weniger um ein „Gar nicht“ als ein „So nicht“. Wenn ihr darauf reagiert, macht ihr eure Spielformate anschlussfähiger und aus Ablehnung vielleicht doch noch Akzeptanz. Kleiner Tipp: Oft hilft es schon, das Wort „Spiel“ nicht zu benutzen ;)
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Format an die Gruppe anpassen: Für manche Teams ist es witzig, ihre Rollen im Team mit Schleich-Tieren darzustellen, für andere ist dort die Grenze der Albernheit überschritten. Jede Gruppe hat eine eigene Dynamik, und ihr müsst selbst herausfinden, welches Spielprinzip zu eurem Team passt. Lego funktioniert fast überall, vermutlich wegen der weit verbreiteten Kindheitserinnerungen.
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Freiwilligkeit: Wir können den Kollegen Maier nicht dazu zwingen, zu spielen. Denn Spiel und Stress oder Frust schließen sich aus. Wer nicht teilnehmen will, muss auch nicht – ohne dafür verurteilt oder benachteiligt zu werden. Aber … für den Rest gilt:
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Aktive Beteiligung von allen im Raum: Wer sich dafür entscheidet, zu bleiben, muss auch aktiv mitmachen und darf nicht daneben sitzen und spöttisch die Nase über die Spielenden rümpfen.
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Keine Ablenkungen: Wie in allen guten Workshops sollten Handys, Laptops etc. draußen bleiben, es sei denn, sie sind Teil des Spiels. Ihr wollt euch alle gemeinsam auf eine Parallelwelt einlassen. Das funktioniert besser, wenn ihr die Arbeitsrealität sowie andere Welten auf TikTok und LinkedIn vor der Tür lasst.
Spiel und Ziel anpassen
Das Stigma von Spiel als Nicht-Arbeit hält sich hartnäckig. Serious-Game-Designer Philipp Busch sieht Serious Games in Europa dennoch im Aufwind. So lassen immer mehr Unternehmen von Game-Design-Firmen wie Mind Games, Fabula Games oder Pfeffermind ihre eigenen Spiele entwickeln. Der Vorteil dabei ist, dass die Inhalte maßgeschneidert auf die Orga sind. Das kostet allerdings mehrere Zehntausend Euro.4 Kleinere Teams mit weniger Budget können auch auf fertige (Gratis-)Spiele zurückgreifen oder ihr eigenes Spiel bauen.
Busch empfiehlt, dass Unternehmen, die ein eigenes Spiel entwerfen lassen wollen, das genaue Ziel, die Zielgruppe und den geplanten Kontext detailliert besprechen. Sind die Teammitglieder eher spielaffin oder skeptisch? Soll das Spiel im Workshop, zusammen online oder allein zu Hause gespielt werden? Anschließend solltet ihr einen Prototyp mit Hinblick auf Setting, Emotionen und Design mit der Zielgruppe testen.
Da durch die gewachsene Gaming-Szene immer mehr Mitarbeiter*innen, die an Spiellogiken gewöhnt sind, in die Unternehmen kommen, wird es zunehmend sinnvoller, Spiel-Strukturen in der Arbeit einzusetzen. Busch sagt: „Es gibt kein Unternehmen, was nicht von Serious Games profitieren kann. Denn es gibt ja kein Unternehmen, das sich leisten kann, keine Fortbildung für seine Mitarbeitenden zu machen. Und alles, was in Richtung Fortbildung geht, wird effektiver über ein Serious Game abgebildet.“ Denn Serious Games motivieren intrinsisch, also durch eine innere Überzeugung oder Identifikation mit dem Inhalt. Und auf Methoden, die das können, warten Organisationsentwickler*innen doch seit Jahren.
Inputgeber*innen
Dr. Philipp Busch hat über das Thema Gamification und Serious Games promoviert und ist Autor mehrerer Artikel über interaktive Lernerfahrungen. Als Gründer und Game Designer bei der Mind Games GmbH entwickelt er Serious Games und gamifizierte Lernsysteme für Unternehmen und NGOs. Er ist außerdem der Mitveranstalter der Serious Play Conference in Mainz.
Dr. Corinne Benzing ist promovierte Biologin und arbeitet als Agile Change Managerin und Facilitatorin für LEGO-Serious-Play-Methoden. Als Expertin für Organisationsentwicklung und Kollaboration sowie als zertifizierte systemische Beraterin begleitet sie Start-ups beim Aufbau ihrer Strukturen. Zusätzlich lehrt sie Führungskompetenz an der Technischen Hochschule Bingen.
FUßNOTEN
- 1
Das Fraunhofer Institut hat eine Liste an agilen Spielformaten zusammengestellt. ↩
- 2
Hier gibt es eine längere Erklärung zum Delegation Poker. ↩
- 3
- 4
Für ein Brettspiel etwa 20.000 bis 50.000 Euro, für ein digitales Spiel ca. 50.000 bis 300.000 Euro. Der Preis ist aber nach oben hin offen, je nach Komplexität des Spiels. ↩






