In dieser Kolumne geht es um die Frage, wie wir unsere Demokratie erhalten und uns gegen die autokratischen Bestrebungen von Überreichen verteidigen. Diesmal: Warum wir von der steigenden Produktivkraft kaum profitieren.

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Dem ist nicht so, wie du wahrscheinlich bestätigen wirst. Ganz im Gegenteil: Immer mehr Menschen kommen trotz 40-Stunden-Woche heute kaum noch über die Runden – und müssen sich dann noch von Politikern wie Friedrich Merz und Markus Söder anhören, sie seien faul und müssten endlich mehr arbeiten.
Das ist besonders zynisch, da die beiden zum glücklichen einen Prozent gehören, das gar nicht arbeiten müsste. Denn während die meisten von uns ziemlich am Rudern sind, sind rund 800.000 Menschen in Deutschland so reich, dass sie „ihr Geld für sich arbeiten lassen“ können. Wobei natürlich nicht das Geld selbst arbeitet, sondern: wir.
Mit unserer Arbeit erwirtschaften wir nicht nur unser eigenes Einkommen, sondern auch die Profite derjenigen, die Unternehmensanteile besitzen oder von unseren Mietzahlungen leben. Selbst wenn wir die Miete nicht direkt an Friedrich Merz überweisen, kann er durchaus Anteile an der Immobilienfirma halten, die unsere Wohnung besitzt. (Was wir leider nicht genau wissen, denn der Bundeskanzler verweigert jede Auskunft über sein Aktienvermögen.) Wenn er also fordert, wir müssten mehr arbeiten, um „die Wirtschaft“ zu retten, dann sagt er damit vor allem: Ihr müsst mehr arbeiten, damit ich weiterhin meine Rendite einstreichen kann.
Wie falsch lag Keynes wirklich?
Das erklärt auch, warum wir heute noch immer annähernd so viel arbeiten wie damals, als Keynes seine Prognose machte. Womit er ja tatsächlich recht hatte: Es gab in den vergangenen 100 Jahren massive Effizienz- und Produktivitätssteigerungen. Doch werden diese Zugewinne nicht – wie Keynes annahm – demokratisch über die Gesellschaft verteilt. Profitieren tun vor allem diejenigen, die über Kapital verfügen, denen also die Firmen, die Immobilien usw. gehören. Und die wollen nicht weniger Arbeit für uns, sondern mehr leistungsloses Einkommen für sich.
Keynes hatte dagegen Gesellschaften im Sinn, die sich zunehmend demokratisieren und in denen sich daher auch die Ungleichheiten nivellieren würden. Mit anderen Worten: Gesellschaften ohne Milliardäre.
Denn die beeinflussen in unserer Welt ganz massiv den Lauf der Dinge. Sie entscheiden darüber, welche Produkte im Supermarkt stehen und in welchem Ausmaß Soziale Medien uns abhängig machen. Sie entscheiden, ob das Klima sich weiter erwärmt, welche Parteien erfolgreich sind, wie viele Satelliten wir nachts am Himmel sehen und ob wir bald auf dem Mars leben müssen. Und das bedeutet auch: Der ganze technische Fortschritt wird nicht genutzt, um dir ein besseres Leben mit weniger Erwerbsarbeit zu ermöglichen. Nein, die Zugewinne gehen allein in die Taschen der Milliardär*innen und Multimillionär*innen, die immer reicher werden, während die meisten anderen immer mehr arbeiten müssen, ohne nennenswert am steigenden Wohlstand beteiligt zu werden.
Die Sache mit den Milliardären...
Dass wir uns das gefallen lassen, liegt – neben der wirtschaftlichen und politischen Macht, die Überreiche ausüben – auch daran, dass sie und ihre Lobby in Gestalt diverser Verbände wie der Stiftung Familienunternehmen oder der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft sehr erfolgreich die Vorstellung etabliert haben, dass wir extrem reiche Unternehmer*innen bräuchten: weil sie Arbeitsplätze schaffen, die Wirtschaft am Laufen halten und durch Innovationen vorantreiben.
Wir alle haben das so oft gehört, dass wir es gar nicht mehr hinterfragen. Und so akzeptieren wir einfach, dass in einem sehr reichen Land wie Deutschland viele Menschen sehr arm sind. Dass die Menschen, die für ihr Geld arbeiten gehen, hohe Abgaben auf ihr Einkommen zahlen, während die, die am meisten zum Steueraufkommen beitragen könnten, sich einfach aus der Pflicht stehlen. Denn: Milliardär*innen zahlen kaum Steuern. Ihr Vermögen bleibt in Deutschland aktuell steuerlich vollkommen verschont, Erbschaftssteuer zahlen sie – im Gegensatz zu vielen Menschen, die deutlich weniger erben – in der Regel auch nicht und für den Rest gibt es geschickte Steuerberater*innen, die durch sogenannte Steueroptimierung noch einiges rausschlagen können.
Doch daran etwas zu ändern – die Steuerschlupflöcher zu stopfen, die Vermögensteuer wieder einzuführen, die Erbschaftssteuer auf große Vermögen zu erhöhen – sei, so die Erzählung weiter, nicht möglich. Denn wenn man den schweren Unternehmer*innen etwas wegnähme, dann könnten sie ihre „Dienste“ an der Gesellschaft nicht mehr leisten. Sie gingen pleite oder wanderten ins Ausland ab. Also behalten sie ihr vieles Geld und setzen es dafür ein, dass wir diesen Quatsch glauben.
Dabei ist das längst durch viele Studien widerlegt und es gibt viele Länder, denen trotz Vermögensteuer die Unternehmer*innen nicht scharenweise weglaufen. Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass die Mobilität unter Reichen sogar geringer ist als im Bevölkerungsdurchschnitt. So ziehen in den USA beispielsweise Milliardär*innen trotz unterschiedlicher Steuerlasten in verschiedenen Bundesstaaten deutlich seltener um als weniger Vermögende.
Wenn es aber mal nicht gut läuft, dann zeigen sie mit dem Finger auf uns, dann müssen wir die Verantwortung übernehmen, die sie angeblich schultern: noch mehr arbeiten oder uns von KI ersetzen lassen.

Hol dir eine kostenlose Ausgabe von Neue Narrative
Magazin kostenlos lesenWer ist Schuld an der Krise?
Aber wie viel ist denn nun dran an der Erzählung, laut der Milliardär*innen das Rückgrat der Wirtschaft sind? Dass wir so sehr auf sie angewiesen sind, dass wir sie nicht mit fairen Steuern behelligen können?
Derzeit befindet sich die deutsche Wirtschaft in einer Krise. Das liegt auch daran, dass sich die Industrie nicht zukunftsfähig aufgestellt hat. Deutsche Autohersteller können im internationalen Vergleich nicht mehr mithalten und bei digitalen Technologien hinkt Deutschland anderen Ländern meilenweit hinterher. Dass in Deutschland überhaupt noch so viel Geld mit Industrien, die überwiegend längst aus dem Globalen Norden in Niedriglohnländer abgewandert sind, verdient wird, ist ohnehin eine Besonderheit. In vergleichbaren Staaten spielen der digitale und der Dienstleistungssektor längst eine viel größere Rolle.
Dass das deutsche Modell trotzdem lange gut funktioniert hat, liegt daran, dass deutsche Produkte einen sehr guten Ruf hatten und als Statussymbole galten. Nur deswegen waren Käufer*innen bereit, für einen Mercedes oder einen BMW deutlich mehr Geld zu zahlen als für ein vergleichbares Auto aus einem anderen Land. Doch dieser Ruf bröckelt und die deutsche Automobilindustrie ist auf dem besten Weg vom globalen Champion zum Industriemuseum abzusteigen.
„Was hat das mit den Milliardär*innen zu tun?“, wirst du nun vielleicht fragen. Ganz einfach: Dass in Deutschland so viel Geld und damit auch so viel Macht bei Einzelnen konzentriert ist, verhindert eine innovative und dynamische Wirtschaft.
Denn die Überreichen versuchen, ihre alten Geschäftsmodelle und ihr Vermögen zu schützen. Und so verschlafen sie die meisten Trends. Zumal die meisten deutschen Milliardär*innen und Firmeneigentümer*innen keine Unternehmer*innen sind, sondern Erb*innen. Und die sind meist auf sichere Gewinne aus, auf Stabilität. Sie investieren nicht mutig, wie es vielleicht ihre Vorfahren mal getan haben. Sie wollen möglichst sichere, möglichst hohe Renditen – und die gibt’s am Finanz- und Immobilienmarkt. Das Geld aber, das in Finanzprodukte wie Aktien oder in Bestandsimmobilien fließt, steht überwiegend nicht für Investitionen in Innovationen bereit.
Genau hier liegt der Zusammenhang: Dass wir die Zugewinne an Effizienz und Wohlstand nicht demokratisch über die Gesellschaft verteilen, führt nicht nur dazu, dass wir um unsere 15-Stunden-Woche betrogen werden, sondern auch dazu, dass die Wirtschaft auf einen Abgrund zusteuert. Als Konsequenz werden wir nicht weniger, sondern noch mehr arbeiten müssen.
Dass in Deutschland so viel Geld und damit auch so viel Macht bei Einzelnen konzentriert ist, verhindert eine innovative und dynamische Wirtschaft.
Schöner leben ohne Milliardäre
Umverteilung gilt manchen als sehr linke Idee. Dabei ist sie ein zentraler Bestandteil unserer sozialen Marktwirtschaft. Nicht nur, weil es schlicht undemokratisch und unsozial ist, wenn die einen viel mehr haben als die anderen. Auch weil die Wirtschaft darauf angewiesen ist, dass möglichst viele Menschen ihre Produkte auch konsumieren können. Wenn das Vermögen bei ein paar Milliardär*innen liegt, gibt es viel weniger Absatzmöglichkeiten für die Unternehmen. Mit einer demokratischen Verteilung könnte Deutschland hingegen die Binnennachfrage steigern und seine Exportabhängigkeit überwinden.
Deshalb müssen wir die Wirtschaft von den Milliardär*innen endlich zurückerobern. Denn eine gute Wirtschaft wird von vielen getragen, nicht von wenigen. Dann klappt es auch mit der Transformation in die Zukunft. Dabei kann und soll auch der Staat eine wichtige Rolle spielen. Der hat nämlich in Wirklichkeit in der Vergangenheit viele der Innovationen finanziert, die private Unternehmen dann für sich verbucht haben.
Wenn das gelingt, könnte auch Keynes mit seiner Prognose Recht behalten: Dann müssen wir vielleicht wirklich nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten und haben mehr Zeit für all die Dinge, die im Leben wichtiger sind als Arbeit.

Takeaways
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Obwohl die Produktivität in den letzten 100 Jahren massiv gestiegen ist, arbeiten wir heute nicht erheblich weniger. Das liegt daran, dass wir diese Effizienzsteigerung nicht demokratisch über die Gesellschaft verteilen und die Profite vor allem an Menschen gehen, die ohnehin schon sehr reich sind und die selbst nicht für ihren Reichtum gearbeitet haben.
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Die Lobby der Millionär*innen und Multimilliardär*innen macht uns glauben, dass es reiche Unternehmer*innen bräuchte, weil sie Arbeitsplätze schaffen und Investitionen tätigen. Dabei wären wir und unsere Wirtschaft ohne sie besser dran.
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Denn würden wir alle vom Produktivkraftfortschritt profitieren, wäre unsere Wirtschaft innovativer und resilienter – und wir müssten endlich weniger arbeiten.





