Care-Arbeit ist kein Nischenthema aus Familien- und Geschlechterdebatten, sondern betrifft uns alle. Ohne sie würde gar nichts laufen. Wer Fürsorge fördert, tut nicht nur etwas Soziales, sondern stärkt die Wirtschaft insgesamt.

Fürsorge: unsere neue Ausgabe ist da!
Abo sichernBei der Großen Hungersnot nach einer Kartoffelfäule starben in Irland zwischen 1845 und 1852 eine Million Menschen. Vermutlich wären es noch mehr gewesen, wenn nicht mehrere Staaten Spenden gesammelt hätten. Obwohl die nordamerikanische indigene Gemeinschaft Choctaw Nation Vertreibung und finanzielle Nöte hinter sich hatte, spendete sie damals umgerechnet auf heute mehrere Tausend Dollar. Warum erzählen wir nicht mehr solcher Geschichten? Die Geschichtsschreibung umfasst meist nur Kriege und Konflikte. Dadurch entsteht der Eindruck, Menschen seien von Natur aus feindselig und kompetitiv. Dabei sind wir soziale Wesen und unsere Kultur, all unsere Errungenschaften ohne umfassende Kooperation undenkbar. Deswegen gehört Fürsorge in unsere Debatten – auch in der Arbeitswelt.
Wertschöpfung und Fürsorge
Wir funktionieren nur, wenn es uns gutgeht. Wir müssen essen, uns ausruhen und pflegen, um unsere Arbeitskraft wiederherzustellen. Daher ist die Rolle von Fürsorge für Staat und Wirtschaft immens:
Die Politikwissenschaftlerin Joan Tronto definiert Care als alles, „was wir tun, um die Welt zu erhalten, fortzuführen und wiederherzustellen, damit wir in ihr so gut wie möglich leben können“1. Wir können Sorgearbeit in zwei Bereiche aufteilen:
- Selbstsorge: Tätigkeiten, die unsere Gesundheit erhalten und unsere Arbeitskraft wiederherstellen, z. B. Kochen, Putzen, Körperpflege etc.
- Sorge für andere Menschen: Nachwuchs aufziehen, Alte, Kranke, Bedürftige pflegen, aber auch Zuhören und emotionale Unterstützung leisten
Erwerbsarbeit kann nur stattfinden, wenn wir Reproduktionsarbeit und Sorgearbeit für uns und andere leisten. Gleichzeitig ist Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft die Grundlage dafür, dass wir uns ernähren, kleiden und in einem Bett schlafen können. In der Wirtschaft ist in Vergessenheit geraten, wofür wir eigentlich arbeiten: um gut leben zu können.
Sorgetätigkeiten bewerten wir gering. Aber das heißt nicht, dass sie wertlos sind. In den 1970er-Jahren forderten Feministinnen wie Silvia Federici einen Lohn für Hausarbeit, um zu zeigen, dass der Kapitalismus von unbezahlter Sorgearbeit profitiert.2
Was passiert, wenn alle unbezahlten Sorgetätigkeiten ruhen, zeigten die Isländerinnen mit ihrem Frauenstreik im Oktober 1975, bei dem 90 Prozent der isländischen Frauen weder Care- noch Erwerbsarbeit verrichteten. Politiker*innen und Männer merkten, dass ohne Frauen sowohl privat als auch wirtschaftlich nichts mehr lief – vom Frühstück bis zum Unterricht, von der Büroarbeit bis zur Pflege. In den folgenden Jahren führten sie Frauenquoten, gleiche Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen ein und Island wurde zum Musterland für Gleichstellung.3
Erwerbsarbeit kann nur stattfinden, wenn wir Reproduktionsarbeit und Sorgearbeit für uns und andere leisten. Gleichzeitig ist Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft die Grundlage dafür, dass wir uns ernähren, kleiden und in einem Bett schlafen können.

Sorgearbeit wird ausgelagert
Ab dem 19. Jahrhundert wurden die Haushalte allmählich kleiner. Die bürgerliche Kleinfamilie beschränkte sich auf zwei Erwachsene und wenige Kinder. Dass die Frau des Hauses nicht erwerbsarbeiten musste, war ein Zeichen von Wohlstand. Sie kümmerte sich dafür allein um den Haushalt und die Kindererziehung. Das Konzept der Hausfrau war geboren.4
Das funktionierte nur, weil der Mann so viel verdiente, dass er die sorgearbeitende Hausfrau miternähren konnte. Heute geht ein Großteil der Frauen Erwerbsarbeit nach. Das führte allerdings weniger dazu, dass die Haushaltseinkommen stiegen, als zu einer schleichenden Anpassung der Löhne: Heute ist es kaum mehr möglich, von einem Medianeinkommen eine Familie zu ernähren. Und die Care-Arbeit muss neben Vollzeitbeschäftigung passieren.5
Wir verlangen von Eltern, dass sie so leistungsfähig sind wie ihre kinderlosen Kolleg*innen, die sich nicht nach einer schlaflosen Nacht und einem Trotzanfall des kitamüden Kindes zur Arbeit schleppen müssen. Dass Eltern zu wenig Zeit für Sorgeaufgaben und Selbstfürsorge haben, erzeugt chronischen Stress und Burn-out. Ein Bericht des Müttergenesungswerks zeigt, dass 82 Prozent aller Eltern-Kind-Kuren wegen Erschöpfungszuständen auf Zeitmangel zurückgehen. „Erschöpfte Erwachsene können keine guten Care-Giver sein. Mehr Familienfreundlichkeit erreicht Zeitpolitik erst dann, wenn Care-Verantwortliche mehr Zeit haben, sich zu erholen“, schreibt die Publizistin Teresa Bücker in ihrem Buch Alle_Zeit.6
Das Problem betrifft vor allem Frauen, die laut der Zeitverwendungsstudie 2022 in der Woche immer noch neun Stunden unbezahlte Arbeit mehr leisteten als Männer.
Sind Putzkräfte und Babysitter keine Lösung? Abgesehen davon, dass sich das nur fünf Prozent der Menschen leisten können, entstehen dadurch globale Care-Chains: Prekär beschäftigte migrantische Frauen betreuen hier Kinder und Angehörige von Besserverdienenden, während die Sorgearbeit in ihren Heimatländern oft weibliche Angehörige übernehmen.
Forderungen wie die nach kostenfreien Kitaplätzen für alle sind sicher gut und unterstützenswert. Aber wir müssen uns auch fragen, wie weit wir Care-Arbeit auslagern wollen und ob wir nicht den Kampf auch darauf richten sollten, dass wir weniger lohnarbeiten müssen und mehr Zeit für Care-Arbeit haben. Schließlich möchten wir uns ja vielleicht auch selbst um unsere Lieben kümmern und die Care-Arbeit gar nicht vollständig delegieren.

Alle leiden unter Zeitnot
Obwohl das Thema Care-Arbeit fast immer im Zusammenhang mit Kinderbetreuung auftaucht, betrifft der Mangel an Zeit für Fürsorge nicht nur Eltern. Erstens sollte uns allen klar sein, dass die Frage, ob es gesund aufwachsenden Nachwuchs gibt, essenziell für die ganze Wirtschaft und die ganze Gesellschaft ist. Zweitens betrifft das Problem auch andere Bereiche von Fürsorge: Wenn sie fehlt, dann haben wir alle ein Problem.
Selbst kinderlose, gut verdienende Menschen leisten und empfangen permanent Sorgearbeit, werden irgendwann krank und brauchen jemanden, der ihnen Suppe kocht, einen Tee reicht oder Medizin holt, damit sie genesen und überhaupt zurück an den Schreibtisch kommen können. Sie müssen für sich sorgen, pflegen ggf. alte Eltern, kümmern sich um chronisch kranke Menschen, Patenkinder oder begleiten Freund*innen durch Krisen.
Im Jahr 2022 gaben in einer Studie 84 Prozent der Befragten an, dass gute Freund*innen der wichtigste Aspekt in ihrem Leben sind. Diese nicht-institutionalisierten Beziehungen wie auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Wahlfamilien, Wohngemeinschaften oder Mehrgenerationenhaushalte werden bei dem Thema aber oft nicht mitgedacht. Das Arbeitsrecht ist für alternative Lebensmodelle lückenhaft: Sonderurlaube im Trauerfall gibt es beispielsweise nur für Eltern und Kinder, nicht etwa für die beste Freundin.
Und Fürsorge endet auch nicht bei den engen Beziehungen. Wir würden vielleicht auch für unsere Nachbar*innen, unseren Kiez, unser Dorf oder für die Gesellschaft mehr sorgen, wenn wir es könnten. Im Jahr 2024 haben sich 36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren in Deutschland freiwillig engagiert, 2019 waren es noch drei Prozentpunkte mehr. Für ein Ehrenamt und zivilgesellschaftliches Engagement brauchen wir Zeit und Energie. Doch wir arbeiten immer mehr: Insgesamt haben wir 2025 durchschnittlich 2,6 Wochenstunden mehr gearbeitet als 1991, Frauen sogar 5,2 Wochenstunden. Gleichzeitig ist die Sorgearbeit nicht weniger geworden.
Moderne Arbeitgeber*innen versprechen oft Flexibilität, fordern aber trotzdem permanente Verfügbarkeit – ein direkter Konflikt mit unser aller Bedürfnis nach Selbstfürsorge, Ruhe und Beziehungen zu anderen Menschen.
Kürzere Arbeitszeiten haben nichts mit einem verwöhnten Lifestyle zu tun, sondern wären die Basis dafür, unserem Wunsch nach sozialen Beziehungen und Kooperation nachzugehen. Sie könnten dazu beitragen, dass kinderlose Erwachsene öfter auf die Kinder von Freund*innen aufpassen oder sich erholen, bevor sie in einen Burn-out steuern und dann ausfallen.

Systemrelevante Pink-Collar-Jobs
Bezahlte Care-Arbeit ist ein Spiegel dessen, wie wir Sorgetätigkeit gesellschaftlich bewerten. Sogenannte Pink-Collar-Jobs sind stark vergeschlechtlicht und häufig unterbezahlt – ein Zeichen dafür, dass Fürsorgearbeit trotz ihrer zentralen Bedeutung oft geringgeschätzt wird. Dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigen die skandinavischen Länder, in denen Pflegeberufe ein höheres soziales Ansehen genießen und auch besser bezahlt sind.
In Norwegen gibt es bspw. sehr viele männliche Kindergärtner, und Hebammen sind hoch angesehene, akademisch ausgebildete Fachkräfte. Internationale Vergleiche verdeutlichen: Wie wir Care-Arbeit organisieren und entlohnen, zeigt, welchen Wert eine Gesellschaft ihr tatsächlich beimisst.
Bei uns sind diese Berufe von Fachkräftemangel, chronischer Unterbesetzung und belastenden Schichtsystemen geprägt. Das zeigt sich besonders im Krankenhausbereich: Seit der Einführung diagnosebezogener Fallpauschalen im Jahr 2003 erhalten Kliniken feste Beträge pro Fall statt Tagessätze.7
Das setzt Anreize, möglichst viele Patient*innen in kurzer Zeit zu behandeln, während pflegerische und betreuende Tätigkeiten kaum abrechenbar sind. Ein Beispiel dafür ist, dass Geburten häufiger eingeleitet oder Kaiserschnitte angesetzt werden, um Abläufe planbarer zu machen und die Zeit, die Gebärende im Krankenhaus verbringen, zu verringern.

Von den 77,8 Milliarden Euro, die der Bund 2026 an Subventionen leisten wird, fließt nur ein verschwindend geringer Teil in den Bereich Pflege und Care, der nicht als förderungswürdig gilt, während wir Waffen kaufen und Kerosin von der Energiesteuer befreien.8 Würden wir Pflege und andere Sorgeberufe als zentralen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Pfeiler anerkennen, könnten sich diese Prioritäten auch in der Förderung widerspiegeln – denn Marktregeln sind politisch gesetzt und damit veränderbar.
Vielleicht führt genau dieser Perspektivwechsel zu einer weitergehenden Einsicht: dass Fürsorge nicht nur Aufgabe einzelner Berufsgruppen ist, sondern eigentlich in allen Jobs eine Sorge-Komponente enthalten sein sollte.
Historische Fürsorgegemeinschaften
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass gemeinschaftliches Wirtschaften und soziale Absicherung lange untrennbar miteinander verknüpft waren. Schon immer schließen sich Menschen zusammen, um gemeinsame Interessen zu sichern, Risiken zu teilen und füreinander Sorge zu tragen.
So etwa im Römischen Reich die sogenannten Collegia, Zusammenschlüsse von Handwerkern, Händlern und Priestern, die wirtschaftliche, religiöse und soziale Aufgaben verbanden. Ab dem Mittelalter gab es dann Handwerkerzünfte und Bruderschaften, die ihre Mitglieder vor Ausbeutung schützten, Qualitätsstandards sicherten und zugleich soziale Fürsorge organisierten. Diese gemeinschaftlich organisierten Fürsorgestrukturen gingen mit der Industrialisierung verloren. Auf der anderen Seite wurde Fürsorge mit den Kranken-, Unfall- und Rentenversicherungen des 19. Jahrhunderts erstmals zu einem einklagbaren Recht – nicht abhängig vom Wohlwollen einzelner Arbeitgeber oder Gemeinschaften.
Industriekonzerne wie Bosch oder Thyssenkrupp entwickelten auch eigene – durchaus ambivalente – Fürsorgesysteme, z. B. in Form von Werkssiedlungen und sozialen Infrastrukturen. Ein bekanntes Beispiel ist die „Margarethenhöhe“ in Essen, initiiert von Margarethe Krupp: hübsche, grüne Wohnsiedlungen für Angestellte und städtische Beamte. Natürlich dienten diese Modelle vor allem der Leistungssteigerung der Arbeiter*innen. Aber trotzdem zeigt sich darin auch die Erkenntnis, dass Arbeit ohne Sorge für Wohnraum, Erholung und ein bisschen frische Luft nicht dauerhaft funktioniert.

Heute kümmern sich Unternehmen immer weniger um ihre Mitarbeitenden. Selbst Benefits wie gesponserte gesunde Mittagessen, Snacks oder Fitnesskurse wirken eher wie ein Instrument des Employer Brandings, um Arbeitskräfte anzulocken und motiviert zu halten. Hier lauert immer die Gefahr des Carewashings, bei dem unter dem Deckmantel der Fürsorge vermeintliche Angebote für das mentale Wohlbefinden groß inszeniert werden, um Beschäftigte wieder stärker an das Büro zu binden. Es gibt zwar immer noch Gewerkschaften und Betriebsräte, die sich für die Bedürfnisse von Mitarbeiter*innen einsetzen. Aber sie kommen aus der Mode. Neuere Wirtschaftszweige wie die Technologiebranche haben gar keine Gewerkschaften mehr, und Betriebsräte gelten in hippen Start-ups als verknöchert und altmodisch.
Unternehmen freuen sich, wenn sie günstige Freelancer*innen finden, weil für sie keine Sozialabgaben fällig sind. US-amerikanische IT-Unternehmen wie Google oder Apple lagern Tätigkeiten wie Reinigung, Sicherheitsdienst oder Kantinenarbeit oft an Subunternehmen aus. Die Arbeiter*innen in diesen Bereichen sind schlecht bezahlt und sozial schlecht abgesichert – weshalb Arbeitsrechtler*innen sie als „unsichtbare Belegschaft“ bezeichnen.
Noch eindrücklicher zeigt sich diese Verantwortung in globalen Lieferketten: Unternehmen profitieren häufig von günstigen Produktionsbedingungen im Ausland, während Arbeitskräfte dort unter prekären, teils menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten. Das Lieferkettensorgfaltspflichtgesetz soll Unternehmen auch über die Unternehmensgrenzen hinaus verpflichten, Verantwortung entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu übernehmen. Der immense Widerstand vieler Branchen zeigt aber, wie wenig sie dazu bereit sind.
Heute kümmern sich Unternehmen immer weniger um ihre Mitarbeitenden. Selbst Benefits wie gesponserte gesunde Mittagessen, Snacks oder Fitnesskurse wirken eher wie ein Instrument des Employer Brandings, um Arbeitskräfte anzulocken und motiviert zu halten.
Fürsorgepflicht von Arbeitgeber*innen
Obwohl die Unvereinbarkeit von Sorgeaufgaben und Erwerbsarbeit seit Jahren im Gespräch ist, ergreift die deutsche Regierung kaum politische Maßnahmen dagegen. Im Jahr 2022 leitete die EU ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland und andere EU-Mitgliedstaaten ein, weil diese die längst vorhandene EU-Vereinbarkeitsrichtlinie nicht in ihren Ländern verankern. Die Richtlinie umfasst bspw. die Familienstartzeit, also zehn Tage bezahlte Freistellung für den nicht gebärenden Elternteil unmittelbar nach der Geburt eines Kindes, sowie Anspruch auf fünf Urlaubstage pro Jahr, um Angehörige zu pflegen.
Wir wissen, wie langsam die politischen Mühlen mahlen. Aber wir brauchen ja kein Gesetz, das uns vorschreibt, wie wir Angestellten das Leben erleichtern. Bei der Tomorrow Bank etwa gibt es einen zweiwöchigen baby leave für jede Person, die eine andere im Wochenbett betreut, ganz gleich in welchem Verhältnis sie zu dieser Person steht – z. B. auch wenn das die Freundin einer alleinerziehenden Mutter ist. So sollten Organisationen sich stärker von individuellen Maßnahmen zu struktureller Entlastung bewegen und Sorgetragende durch Sonderregelungen für Fürsorgetätigkeiten unterstützen: mehr oder flexiblere Urlaubstage, Toleranz bei chronischer Krankheit oder familiärer Belastung, Homeoffice etc.
Verteidiger*innen der 40-Stunden-Woche fürchten, dass kürzere Arbeitszeiten automatisch zu geringerer Wirtschaftsleistung und Wohlstandsrückgang führen. Das können wir durch internationale Beispiele widerlegen. In Ländern wie den Niederlanden oder Dänemark arbeiten Menschen weniger Stunden pro Woche 9 und trotzdem haben diese Länder eine hohe Wirtschaftsleistung.
Dass weniger Arbeitszeit nicht automatisch finanziellen Ruin bedeutet, sollten auch Unternehmen wissen. In Norwegen beträgt die Vollzeitwoche offiziell 37 Stunden. Aber fast überall können Sorgearbeitende eine Stunde früher gehen, ohne dass jemand komisch guckt. Dazu kommen ungeschriebene Gesetze wie „Keine Meetings nach 16 Uhr“10. Damit zeigen Unternehmen, dass Menschen mit flexibler und fair gestalteter Arbeitszeit auch in 20 bis 30 Stunden pro Woche genug schaffen können.
Genauso wenig, wie eine sorgefreundliche Arbeitszeit unsere Produktivität einschränkt, ist „zu viel Urlaub“ ein Problem. Viele Organisationen können auch ohne katastrophale Einbußen flexibel Urlaubstage gewähren. Bei Neue Narrative nehmen wir beispielsweise so viele Urlaubstage, wie wir brauchen, inklusive selbstgewähltem Sonderurlaub für Wochenbett und ähnliches.

Care als Führungsmodell
Wenn Organisationen Fürsorge erleichtern und Angestellte sich besser um sich selbst und andere kümmern, sorgen ausgeruhte Mitarbeiter*innen auch dafür, dass es dem Unternehmen gutgeht: Sie machen Beziehungsarbeit, sorgen für gute Stimmung etc. Allerdings hat die Fürsorglichkeit am Arbeitsplatz auch eine Grenze. Wenn sich alle so sehr umeinander kümmern, dass ein Familiengefühl aufkommt, kann das auch negative Folgen haben: Menschen ziehen womöglich weniger Grenzen, melden sich seltener krank, weil sie immer das Gefühl haben, dann ihre Fürsorgepflicht gegenüber den Kolleg*innen zu verletzen.
Führungskräfte betreiben täglich Fürsorge-Arbeit: Sie lesen Stimmungen, moderieren Konflikte, sorgen für Sicherheit und Vertrauen. Aber auch andere Stellen, gerade klassische Assistenzrollen, übernehmen häufig eine emotionale Pufferfunktion: Kommunikation strukturieren, für Kekse sorgen, Informationen filtern. Diese Arbeit ist jedoch meist unsichtbar, selten benannt und noch seltener in Bezahlung oder Karrierebewertung berücksichtigt. Moderne Organisationen profitieren massiv von dieser emotionalen Arbeit, tun aber oft so, als passiere sie so nebenbei. Vielleicht ist die wichtigste Frage nicht „Wie skalieren wir?“, sondern: „Wer hält hier eigentlich den Laden zusammen?“ Dazu kommt, dass vor allem Führungskräfte viele Überstunden leisten und daher keine Zeit für Care-Arbeit außerhalb der Arbeit bleibt – und doch loben wir genau dieses Engagement und verstehen es als Zeichen von Einsatz. Damit erhalten wir ein System, in dem Fürsorge nebensächlich scheint, obwohl sie für das Funktionieren der Organisation zentral ist.

Sorge als Infrastruktur
Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass unser größter Fokus sein sollte, Care-Arbeit und volle Erwerbsarbeit unter einen Hut zu bekommen. Stattdessen brauchen wir das geteilte Verständnis, dass die stärkste Gesellschaft nicht die ist, die am meisten arbeitet, sondern die, in der die Menschen sich gegenseitig unterstützen und füreinander da sind. Gesellschaften mit stabilen Sorge-Infrastrukturen haben eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, bessere Gesundheit, hohe Wettbewerbsfähigkeit und stabile Demokratien.
Länder wie Island oder Finnland, die frühzeitig in öffentliche Kinderbetreuung, Elternzeitmodelle und soziale Infrastruktur investiert haben, taten das auch aus einer Modernisierungslogik heraus. Das Narrativ dort lautet nicht: „Wir helfen Familien“, sondern: „Wir organisieren Gesellschaft so, dass Menschen nicht überlastet werden.“ Wenn Erwerbsarbeit auf Care-Arbeit aufbaut, dann ist Care-Arbeit kein privates Add-on, sondern eine gesellschaftliche Infrastruktur. Und Infrastruktur finanzieren wir normalerweise kollektiv. In einer Welt, die das würdigt, würde jede Form von Care bezahlt werden und jede erwerbstätige Person eine Care-Abgabe zahlen, ähnlich wie Renten- oder Krankenversicherung.
Und für Unternehmen fordert das auch ein Umdenken: Arbeitszeiten orientieren sich an Fürsorgeverpflichtungen, nicht umgekehrt, und Fürsorge-Erfahrung wäre ein Kriterium für Führungskarrieren. Um Care-Arbeit von dem normativen Bild der biologischen Kernfamilie zu lösen, sollten wir den Begriff „familienfreundlich“ in „fürsorgefreundlich“ ändern. Und auch in der Phrase „Vereinbarkeit von Job und Familie“ tauschen wir am besten das Wort Familie gegen Fürsorge ein und streichen vielleicht direkt die Vereinbarkeit heraus. Das Wort impliziert, dass Arbeit und Fürsorge zwei nebeneinander existierende Sphären sind, dabei steckt in Erwerbsarbeit auch immer ein Fürsorgeaspekt, und in Fürsorge jede Menge Arbeit.
Zum Weiterlesen

Takeaways
- Care-Arbeit ist Grundlage jeder Wirtschaft: Erwerbsarbeit funktioniert nur, weil Menschen sich gegenseitig versorgen – körperlich, emotional und sozial. Ohne diese Basis gibt es keine Produktivität, keine Innovation, kein funktionierendes System.
- Die gesellschaftliche Bewertung von Sorge ist verzerrt: Unbezahlte, unterbezahlte oder unsichtbare Care-Tätigkeiten tragen zum Wohlstand bei, werden aber in kapitalistischen Strukturen geringgeschätzt. Historische und moderne Beispiele zeigen: Wer Care fördert, stärkt soziale und ökonomische Systeme gleichermaßen.
- Fürsorge soll nicht nur für Familien leichter werden. Arbeitszeitmodelle, gesetzliche Regelungen, Unternehmensstrukturen und gesellschaftliche Prioritäten müssen so gestaltet sein, dass Sorgearbeit sichtbar, anerkannt und entlastet wird – für alle.
FUßNOTEN
- 1
Joan Tronto & Berenice Fisher: „Towards a Feminist Theory of Care“. In: Circles of Care: Work and Identity in Women’s Lives (1990), S. 40. ↩
- 2
Silvia Federici: Wages Against Housework (1975) ↩
- 3
Übrigens müssen es gar nicht 90 Prozent sein. In ihrem Buch Why Civil Resistance Works (2012) erklärt die Politikwissenschaftlerin Erica Chenoweth anhand hunderter Protest- und Widerstandskampagnen, dass eine Bewegung nur 3,5 Prozent der Bevölkerung erreichen muss, um erfolgreich zu sein. ↩
- 4
Eine schönen geschichtlichen Abriss dazu gibt Evke Rulffes in ihrem Buch Die Erfindung der Hausfrau (2021). ↩
- 5
Anfang 2014 brachte Familienministerin Manuela Schwesig den Vorschlag einer Familienarbeitszeit in die politische Debatte ein, bei dem beide Eltern ihre Arbeitszeit auf etwa 32 Stunden pro Woche reduzieren, um die Sorgearbeit partnerschaftlich aufzuteilen – die Idee mündete 2015 im ElterngeldPlus mit Partnerschaftsbonus.
↩ - 6
Teresa Bücker: Alle_Zeit. Eine Frage von Macht und Freiheit (2022), S. 156 ↩
- 7
Susanne Mierau: Füreinander sorgen. Warum unsere Gesellschaft ein neues Miteinander braucht (2023), S. 73 ↩
- 8
Bundesfinanzministerium: 30. Subventionsbericht der Bundesregierung (2025) ↩
- 9
In den Niederlanden liegt die Wochenarbeitszeit bei 31,4 Stunden und Vollzeitbeschäftigte arbeiten in Dänemark 38,7 Stunden. ↩
- 10
Übrigens ist die Elternzeit in Norwegen aufgeteilt in einen Anteil für die Mutter, einen Anteil für den Vater, der nicht auf die Mutter übertragbar ist, und einen verbleibenden gemeinsamen Teil. Das führt dazu, dass viel mehr Väter Elternzeit nehmen. Außerdem haben stillende Mütter in Norwegen einen gesetzlichen Anspruch auf eine Stunde bezahlte Stillpause pro Tag, da viele von ihnen nach acht Monaten in den Vollzeitjob zurückkehren. ↩





