Neu: #27 „Komm ins Spiel!" ist da – bis 4.9. gibt's das große NN Spiele-Set dazu.

Auf einem Spielbrett im Stil von Monopoly stehen Figuren von Elon Musk, Peter Thiel, Jeff Bezos und Sam Altman.
Milliarden vs. Milliardäre

Milliardäre verzocken unsere Zukunft – die Geschichte zeigt: Wir können uns wehren

  • Text: Sebastian Klein, Svenja Behrens
  • Bild: Dominik Wagner

In dieser Kolumne geht es um die Frage, wie wir Vielen der Herrschaft der Wenigen etwas entgegensetzen können. Darum, wie wir unsere Demokratie erhalten und uns gegen die autokratischen Bestrebungen von Überreichen verteidigen. Diesmal: Wieso für Milliardäre wichtiger ist, ein Spiel zu gewinnen, als sich für die Menschheit zu engagieren.

Reichtum macht unsozial und gierig. Das ist nicht etwa eine persönliche Wertung, sondern das Ergebnis des berühmt gewordenen Monopoly-Experiments.

2013 hat der Sozialpsychologe Paul Piff Proband*innen zu zweit Monopoly spielen lassen. Die Spielregeln waren dabei so angepasst, dass die Spieler*innen extrem ungleiche Bedingungen vorfanden: Eine*r bekam doppelt so viel Startkapital wie die*der andere, erhielt beim Gehen über Los doppelt so viel Geld und durfte mit beiden Würfeln würfeln, während die*der andere nur einen benutzen durfte.

Mit einem Wort: In Piffs Monopoly spielte Arm gegen Reich. Für die ungleiche Verteilung gab es keine übergeordneten Gründe, sie erfolgte rein zufällig und das war auch allen Spieler*innen bewusst. Während die privilegierten Spieler*innen anfangs noch Mitgefühl mit ihren armen Mitspieler*innen zeigten, begannen sie schon bald, sich immer unsozialer zu verhalten: Sie legten dominantes Gehabe an den Tag, waren aggressiv, freuten sich lautstark über ihre Gewinne. Das Beeindruckendste dabei: In den anschließenden Interviews führten die Spieler*innen ihre Überlegenheit nicht etwa auf ihre deutlich besseren Startbedingungen zurück, sondern auf ihre Leistung. Sie schienen einfach vergessen zu haben, dass bei dem unfairen Spiel-Set-up die anderen kaum eine Chance hatten, zu gewinnen.

Piff leitete daraus ab, dass mit zunehmendem Reichtum die Fähigkeit, Mitgefühl mit anderen zu empfinden, abnimmt. Und wenn man sich das Zitat des OpenAI-Chefs Sam Altman oben ansieht, dann kann man kaum anders, als ihm zuzustimmen.

I think that AI will probably, most likely, sort of lead to the end of the world, but in the meantime, there will be great companies created

Sam Altman

Karma-Abo und NN-Tools sichern

zum Karma Abo

Was geht im Kopf eines Milliardärs vor?

Es ist schwierig, sich als Normalsterbliche*r in den Kopf eines Milliardärs hineinzudenken. Noch schwieriger ist es, sich in den Kopf eines Milliardärs hineinzuversetzen, der es wichtiger findet, weitere Milliarden anzuhäufen, als sich für die Zukunft der Menschheit zu interessieren.

Natürlich ist Altmans Aussage vor allem Selbstvermarktung. Schließlich ist er einer derjenigen, die genau diese Technologie verwalten, der er die Macht zuschreibt, das Ende der Menschheit einläuten zu können. Damit ist er beileibe nicht der erste Milliardär, der sich quasi mit Gott vergleicht. Erst kürzlich hat Donald Trump seine eigene Wählerschaft mit einem KI-generierten Bild irritiert, das ihn als Jesus darstellte. Und auch WeWork-Gründer Adam Neumann inszenierte sich gerne als eine Art Messias und sein schnödes Immobilienimperium als die Menschheit transzendierendes spirituelles Projekt.

All das verwundert kaum, wenn man sich ansieht, wie bereits eine einzige Partie Monopoly zu einem Größenwahn führen kann, der die eigenen Privilegien vergessen lässt.

Für diese Milliardäre ist ihr gesamtes Leben ein solches Spiel – und sie scheinen sich schlicht nicht darum zu scheren, dass ihre Spielzüge von anderen bezahlt werden. Die Kehrseite extremen Reichtums ist nämlich extreme Armut, der Siegeszug der Milliardäre zerstört unsere Lebensgrundlage, unsere Demokratie und langfristig auch unsere Volkswirtschaften.

Eine abstrahierte Spielfigur von Sam Altman.

Milliardäre leben in ihrem eigenen Universum

Es gibt auch andere Studien, die nahelegen, dass extrem reiche Menschen ihre Fähigkeit zur Empathie verlieren. Ihre Spiegelneuronen, die die Grundlage für emotionale und soziale Fähigkeiten bilden, reagieren schwächer als bei anderen Menschen. Das führt dazu, „dass das Bild eines verhungernden Babys bei einem Tech-Milliardär nicht dieselbe empathische Spiegelreaktion auslöst wie bei anderen Menschen“, so Douglas Rushkoff, Professor für Medientheorie und digitale Wirtschaft in New York.

Milliardäre leben in ihrer eigenen Welt und haben in der Regel kaum Kontakt zur Lebensrealität der übrigen 99,9999 Prozent. Sie brauchen ihre sozialen Fähigkeiten schlicht nicht, weil sie von Ja-Sager*innen umgeben sind, die wirtschaftlich von ihnen abhängig sind oder sich einen Vorteil davon versprechen, alles für „ihren“ Milliardär zu tun.

Stell dir vor, du erntest stets Applaus – ganz egal, was du machst. Es gibt keine Konflikte, keine Kritik, keine Konsequenzen. Wenn du das Haus verlässt, dann bringt dich immer jemand direkt dahin, wo du hinwillst. Kein Warten, keine nervigen Mitmenschen. Du gehst nie in den Supermarkt oder an öffentlichen Orten spazieren. Wenn du einen Arzt brauchst, dann kommt er zu dir. Egal, welches Problem du hast, du kannst es immer mit Geldbeträgen lösen, die für die Größe deines Vermögens völlig unerheblich sind. Spielgeld eben.

Milliardäre leben in ihrer eigenen Welt und haben in der Regel kaum Kontakt zur Lebensrealität der übrigen 99,9999 Prozent.

Die Demokratie hat sich schon einmal gegen Räuberbarone gewehrt

Wer denkt, dass Typen wie Elon Musk, Jeff Bezos und Sam Altman ein gänzlich neues Phänomen wären, irrt. In den USA gab es schon Ende des 19. Jahrhunderts ein paar extrem reiche Männer, die durch aggressive Wirtschaftspraktiken und Monopolbildung sehr reich geworden waren. Die Demokratie wusste sich gegen diese sogenannten Robber Barons zu wehren: Mit dem Sherman Antitrust Act von 1890 wurden Monopole, Kartelle und künstliche Handelsbeschränkungen für illegal erklärt.

Das Gesetz bildete die juristische Basis für die spätere Zerschlagung vieler Wirtschaftsimperien. So wurde 1911 Standard Oil zerschlagen, die Quelle des Reichtums der Rockefeller-Dynastie. Im Ersten Weltkrieg wurde dann eine progressive Besteuerung sehr hoher Einkommen, Kriegsgewinne und Erbschaften eingeführt. Vor dem Krieg lag der Spitzensteuersatz bei 7 Prozent, danach bei 77 Prozent für Einkommen von über einer Million Dollar. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Spitzensteuersatz sogar bis auf 94 Prozent erhöht und blieb bis in die 1960er-Jahre bei über 90 Prozent, bevor er auf 70 Prozent abgesenkt wurde.

All das hat natürlich nicht dazu geführt, dass die Überreichen verarmten. Schließlich sind die Rockefellers immer noch eine der reichsten Familien der Welt. Doch es zeigt, dass die Demokratie in der Lage ist, sich zu wehren und der immer weiter ausufernden Macht der Milliardäre etwas entgegenzusetzen.

Denn die Maßnahmen haben zumindest dabei geholfen, dass der Wohlstand nicht nur den Reichsten zugutekam, sondern sich halbwegs über breite Teile der Gesellschaft verteilte. Das änderte sich jedoch in den 1980er-Jahren mit Privatisierungen, Deregulierungen und Abbau des Sozialstaats – eine Entwicklung, deren toxische Auswüchse wir heute in Form extremer Armut, extremen Reichtums, extremer Politik und extremer Krisen erleben. Und die Poster-Boys dieser Misere sind die neuen Räuberbarone, die heute nicht mehr mit Öl und Eisen ihr Geld verdienen, sondern mit Technologie und Finanzspekulation.

Noch haben auch wir die Chance, uns gegen sie zu wehren. Wenige Tage bevor Elon Musk zum ersten Billionär der Weltgeschichte wurde, wurde der Global Justice Report vorgestellt. Der zeigt einen Weg auf, die weltweite Armut bis 2100 massiv zu reduzieren – indem wir die Milliardärsklasse quasi enteignen. Ihr Anteil am globalen Vermögen soll von 6 Prozent auf 0,05 Prozent sinken. Für eine solche Besteuerung großer Vermögen gäbe es auch längst breite Mehrheiten. Es spricht also wenig dagegen, die Spielregeln endlich wieder zu ändern.

Eine Hand schnippt eine Spielfigur von einem Spielbrett.

FUßNOTEN

Digitale Ausgabe der Neue Narrative

Sichere dir eine Gratis-Ausgabe!

Lust, mal in unserem Magazin zu blättern? In der Ausgabe, die wir dir als PDF zuschicken, geht es um das Thema Karriere. Wir denken Karriere noch immer in Auf- und Abstiegen, dabei wird das den Menschen und Organisationen heute längst nicht mehr gerecht. Zeit, Karriere neu zu definieren.

Unsere neue Ausgabe ist da!

Auch Erwachsene dürfen spielen – sogar im Job. In #27 erfährst du, wie du mit spielerischen Mitteln leichter, kreativer und mutiger arbeitest.