Auf engem Raum Hunderte Kilometer von der Erde entfernt arbeiten und leben: Weltraummissionen bringen selbst psychisch stabile Menschen an ihre Grenzen. Deshalb steht hinter diesen Missionen ein strukturiertes Fürsorge-System, das auch Teams auf der Erde resilienter machen könnte.

Fürsorge: unsere neue Ausgabe ist da!
Abo sichern520 Tage. So lange ließen sich sechs Freiwillige ab Juni 2010 für das Experiment Mars-500 in einem Modell-Raumschiff einschließen, um auf eine simulierte Marsreise zu gehen. 520 Tage ohne Tageslicht, ohne Möglichkeit, rauszugehen oder Angehörige zu sehen. Lebensmittel waren streng rationiert. 520 Tage mit einer winzigen Kabine als einzigem Rückzugsraum.
Bisher dauern Raummissionen nicht ganz so lang wie diese sogenannte Analogmission. Auf der Internationalen Raumstation ISS bleiben Astronaut*innen in der Regel maximal sechs Monate. Aber auch das ist eine enorme Zeit auf beengtem Raum in 400 Kilometern Höhe. Und dann kommt unter Realbedingungen natürlich noch die Schwerelosigkeit hinzu. Wie können Menschen unter solchen Bedingungen leben und arbeiten?

Menschlichkeit in Extremsituationen
Genau mit dieser Frage befasst sich die Weltraumpsychologie. Sie erforscht die mentalen Prozesse und Verhaltensweisen unter Extrembedingungen und entwickelt Methoden, die das Wohlbefinden, die Leistungsfähigkeit und die erfolgreiche Zusammenarbeit bei Weltraummissionen sicherstellen. „Extreme Umgebungen bringen viele psychische Herausforderungen mit sich“, erklärt die Teampsychologin und Psychotherapeutin Alexandra de Carvalho. Beispielsweise kann die soziale Isolation und die lange Trennung von der Familie die Stimmung drücken, während es durch das Zusammenleben auf engem Raum bei begrenzten Ressourcen zu Konflikten im Team kommen kann. Als Teil eines psychologischen Teams begleitet de Carvalho sogenannte Analogmissionen, also simulierte Weltraummissionen, ab der Auswahl der Crew und ihrem Training über die gesamte Missionsdauer.
Wie bei realen Weltraummissionen gibt es bei Analogmissionen ein strukturiertes System der Fürsorge, um das Wohlergehen der Crew sicherzustellen. Dabei wird immer auch in den Blick genommen, wie die Bedingungen im Habitat ihr Wohlbefinden beeinflussen. Ein Ansatz, von dem auch weniger extreme Arbeitswelten viel lernen können, meint de Carvalho: „Oft wird Arbeit so betrachtet, als hätte sie nichts mit dem Privaten zu tun. Gleichzeitig bringen Menschen immer ihre Bedürfnisse und ihr Leben mit zur Arbeit.“ In Analogmissionen sei das offensichtlich: Auch im abgekapselten Habitat haben Menschen ganz alltägliche Bedürfnisse, etwa nach Bewegung, sozialer Eingebundenheit, Privatsphäre und einem Gefühl von Zuhause.

Fürsorge-Bausteine bei Weltraummissionen
Das für Weltraum- und Analogmissionen etablierte Fürsorge-System basiert auf Tools, Ritualen und Protokollen. Diese funktionieren meist auch in Organisationen mit weniger extremen Arbeitsbedingungen.
1. Checks sind Routine
Bei Weltraummissionen gehören psychologische und körperliche Checks zum Alltag. So ist für jede Person ein*e Crew-Ärzt*in am Boden verantwortlich, der*die Faktoren wie Strahlung und Luftqualität überwacht sowie bei regelmäßigen Telefonaten nach Beschwerden fragt und bei Bedarf die Therapie anleitet. Zudem führen alle Astronaut*innen auf der ISS regelmäßige Gespräche mit Psycholog*innen, ganz unabhängig davon, wie es ihnen geht. „Das nimmt viel Druck raus, weil man nicht erst dann einen Termin vereinbaren muss, wenn es einem schlecht geht, was für viele Menschen mit Hemmungen verbunden ist,“ sagt de Carvalho. Bei Analogmissionen werden ebenfalls regelmäßige Gespräche angeboten, teilweise als Bestandteil des Stundenplans, aber auch auf freiwilliger Basis. Das macht die Hürde, bei Bedarf in Kontakt zu treten, deutlich niedriger.
Zusätzlich gibt es Frühwarnsysteme, die Überlastung rechtzeitig erkennen sollen. „Wir erfassen täglich den Zustand unserer Teams, zum Beispiel über kurze Fragebögen oder Mails, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie gut sie mit dem Stress umgehen können“, erzählt de Carvalho. „Wenn wir merken, dass jemand überlastet ist, gehen wir zunächst in den direkten Austausch, um besser zu verstehen, was gerade los ist. Anschließend passen wir gegebenenfalls die Arbeitsanforderungen an.“ Im Flugplan – einer Art Stundenplan für Weltraummissionen – kann die Crew gemeinsam mit der Missionsleitung dann Aktivitäten reduzieren, verschieben oder ergänzen. Dabei wird auch Freizeit bewusst eingeplant. Gleichzeitig achtet das psychologische Team darauf, dass keine Unterforderung entsteht. Denn: „Auch Langeweile kann belastend sein“, so de Carvalho.
Check-in-Tools für Erdlinge
2. Selbstfürsorge wird ermutigt und ermöglicht
Trotz aller Maßnahmen lässt sich unter Extrembedingungen, wie sie bei Weltraum- und Analogmissionen herrschen, nicht vollständig verhindern, dass Crewmitglieder hin und wieder an ihre Grenzen stoßen und sich gestresst fühlen. „Viel wichtiger“, sagt de Carvalho, „ist die Frage, wie gut jemand damit umgehen kann.“
Eine große Rolle spielt dabei die Selbstregulation, also die Fähigkeit, die eigenen Emotionen wahrzunehmen und – idealerweise – möglichst selbstfürsorglich darauf zu reagieren. „Wenn ich zum Beispiel merke, dass ich wütend bin, sollte ich wissen, welche Strategien mir in dem Moment helfen. Spreche ich mit jemandem darüber? Oder hilft es mir, mich zu bewegen?“ Wenn die Crewmitglieder wissen, was ihnen persönlich guttut, kann das psychologische Team darauf reagieren. „Wenn jemand zum Beispiel von Bewegung profitiert, schauen wir, ob Yoga oder eine andere Form von Sport auf engem Raum möglich ist. Wenn jemand gerne Tagebuch schreibt, überlegen wir, wann und wo Rückzug möglich ist.“
Schon vor der Mission arbeitet de Carvalho deshalb mit den Crew-Mitgliedern an individuellen Selbstfürsorge-Strategien, die ihnen helfen sollen, wenn es schwierig wird.
3. Teambuilding und Stimmung haben Priorität
Im Weltraum hängt nicht nur das Gelingen der Mission, sondern auch das Leben der Crewmitglieder von einer reibungslosen Zusammenarbeit ab. Hierbei wird die Herausbildung eines Teamgefühls erschwert durch die große räumliche Distanz, etwa zwischen Weltraum-Crew und Bodenkontrolle. Bei Marsmissionen würde durch die Entfernung eine Zeitverzögerung bis zu 20 Minuten dazukommen, die jetzt schon in vielen Analogmissionen simuliert wird. Für die Besatzung der ISS spielt das in der Regel keine Rolle: Hier beträgt die Verzögerung nur eine Sekunde, also kaum mehr als wenn die Zoom-Verbindung einmal hakt.
„Gute Teamarbeit funktioniert nur, wenn man aufeinander achtet, empathisch miteinander umgeht und die Bedürfnisse der anderen im Blick hat“, sagt de Carvalho. Um das Teamgefühl zu stärken und gleichzeitig die Stimmung aufzuhellen, nutzen die Teams deshalb verschiedene Tools und Rituale wie kurze Videobotschaften, Memes, musikalische Grüße und Bilder. Außerdem gibt es regelmäßige Briefings und Debriefings, also strukturierte Meetings, in denen alle ihren Tag gemeinsam reflektieren. Das fördert psychologische Sicherheit, hilft Konflikten vorzubeugen und unterstützt dabei, gemeinsame Ziele aufrechtzuerhalten.
Selbstfürsorge-Tools für Erdlinge
So funktionieren Debriefings
Das Team reflektiert jede Arbeitswoche oder jedes abgeschlossene Projekt bzw. jede Projektphase, um ein besseres Gespür füreinander zu entwickeln. Dabei beantworten alle Teammitglieder in einem etwa halbstündigen Meeting einen strukturierten Reflexionsfragebogen. Um sich Gedanken und Notizen zu machen, bekommen sie die Reflexionsfragen bereits vorab.
Mögliche Reflexionsfragen:
- Was lief gut? Was ist mir leichtgefallen? Worauf bin ich stolz?
- Was war herausfordernd? Wo hätte ich mir mehr Unterstützung gewünscht und von wem?
- Was lief weniger gut, wo haben wir etwas übersehen?
- Was nehmen wir für die nächste Woche / das nächste Projekt / die nächste Phase mit? Was behalten wir bei? Was machen wir anders?
4. Kommunikation ist klar und präzise
Von den 28.000 Meldungen, die zwischen 1976 und 1981 im NASA Aviation Safety Reporting System eingingen, ließen sich über 70 Prozent auf Kommunikationsprobleme zurückführen. „Die Kommunikation muss möglichst präzise und klar sein, damit wichtige Informationen fehlerfrei weitergegeben werden“, erklärt de Carvalho. Bei Missionen mit Zeitverzögerung ist Präzision noch mal wichtiger, weil eine Korrektur bis zu 40 Minuten dauern würde. Teams werden deshalb gezielt darin trainiert, wie sie Informationen weitergeben und aufnehmen.
Eines der wichtigsten Kommunikationsprinzipien ist dabei die closed loop communication: Die Person, die Anweisungen und Informationen empfängt, wiederholt diese, um sicherzustellen, dass sie die Botschaft richtig verstanden hat. Dann bestätigt der*die Sender*in die Richtigkeit der Wiederholung, um den Kommunikationsprozess abzuschließen. Dabei sollte der*die Empfänger*in so lange Rückfragen zu stellen, bis er*sie sich sicher ist, alles richtig verstanden zu haben. So bleiben keine möglicherweise falschen Annahmen offen.

🌀So funktioniert closed loop communication
- Person A informiert Person B über etwas und formuliert eine Bitte / einen Arbeitsauftrag z. B.: „Ich brauche Unterstützung mit der grafischen Umsetzung von Projekt X. Kannst du dich bitte um die Illustrationen kümmern?“
- Person B wiederholt die Information und stellt gegebenenfalls Rückfragen, z. B. „Welche Seiten brauchen Illustrationen? In welchem Ordner liegen die Dateien?“
- Person A beantwortet Rückfragen bzw. korrigiert, falls Person A etwas falsch verstanden hat (z. B. wenn Person B sagt „Ich kümmere mich um Illustrationen und Layout.“). In diesem Fall startet ein weiterer Loop (z. B. Person A sagt: „Danke, das Layout mache ich selbst, es geht nur um Illustrationen“). Person B wiederholt diese Information.
- Wenn alles korrekt ist, bestätigt die Person A.
Die closed loop communication kann Missverständnissen, Enttäuschungen und unnötiger Arbeit vorbeugen. Im Beispiel hat sie verhindert, dass beide zeitgleich am Layout arbeiten.
5. Raumgestaltung zwischen Funktionalität und Wohlbefinden
Eine der Herausforderungen beim Design von Raumstationen ist es, die richtige Balance zwischen Funktionalität und Wohlfühlen zu finden. Weltraumarchitektur ist sogar ein eigenes Forschungsfeld. Idealerweise wird bei der Konstruktion von Habitaten berücksichtigt, wie sich die Umgebung auf die mentale Gesundheit auswirkt. Hierfür werden etwa – auch wenn die Habitate klein und mit Technik und Lagergut vollgestellt sind –, Rückzugsräume eingeplant, die die Crewmitglieder zum Beispiel mit Fotos und Bildern personalisieren können. Daneben spielt in der Planung auch die akustische Abgrenzung eine immer größere Rolle.
Zudem fehlt in isolierten Umgebungen wie im Weltall oft die Farbe Grün, die sich nachweislich positiv auf das Wohlbefinden auswirkt. Es gibt deshalb Ansätze, mit virtuellen Medien Grünflächen zu projizieren, Wände entsprechend zu gestalten oder echte Pflanzen zu integrieren.
Die Funktionalität zeigt sich vor allem bei gemeinschaftlich genutzten Flächen. Hier verfolgt man oft multimodale Konzepte. Das heißt, Räume lassen sich flexibel umgestalten; ein Essbereich kann zum Beispiel auch als Spiel- oder Freizeitbereich genutzt werden.
Fürsorgliches Raumdesign für Erdlinge
Fürsorge ist organisationale Aufgabe
Die Beispiele zeigen: Bei Weltraummissionen ist Fürsorge kein Luxus, sondern Voraussetzung für das Gelingen und teilweise auch das Überleben der Crew. De Carvalho kritisiert, dass in unserer Kultur Fürsorge oft sehr individualistisch gedacht werde.
Aber manche Menschen haben gar nicht die Möglichkeiten, gut für sich zu sorgen, sei es, weil ihnen die Ressourcen fehlen, sie sich in schwierigen Lebenssituationen befinden – oder weil sie sich in einer Raumstation weit weg von der Erde befinden. „In der Arbeit in extremen Umgebungen haben wir deshalb eher das Mantra entwickelt, dass wir uns um die Teams kümmern müssen.“ Ein Mantra, das auch andere Organisationen übernehmen sollten. Denn Mitarbeitende bleiben nicht durch individuelle Stärke stabil, sondern durch strukturelle Fürsorge – ein Prinzip, das auf der Erde genauso gilt wie im Weltraum.

Zum Weiterlesen
- Mission Fühlen. Was wir von der Weltraumpsychologie für unseren Alltag lernen können von Alexandra de Carvalho (2024)
- Space Psychology and Psychiatry von Nick Kanas und Dietrich Manzey (2003)
Input-Geberin
Alexandra de Carvalho ist psychologische Psychotherapeutin und Teampsychologin. Sie leitet das Team Humane Faktoren beim Österreichischen Weltraum Forum und führt dort Auswahl- und Trainingsprozesse sowie die psychologische Begleitung von Analogmissionen durch.





