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Eine Illustration zum Thema Achtsam Arbeiten. Eine Figur in einer Sprechblase legt sich einen Finger auf die Lippen und macht pssst.
Achtsam Arbeiten

Entschuldige, dass ich nicht geantwortet habe – es war nicht mein Job

  • Text: Sebastian Klein
  • Illustration: Andrea Ihl

In dieser Kolumne geht es um die Frage, wie wir im Endzeit-Kapitalismus überleben können. Diesmal: Wie umgehen mit dem Bedürfnis, allen Menschen auf ihre Nachrichten zu antworten, wenn dadurch die eigentliche Arbeit zu kurz kommt?

Kleine Probleme können unverhältnismäßig viel mentalen Raum einnehmen. Für mich war das lange die Frage nach dem „richtigen“ Trinkgeld: Auf Reisen in andere Länder war ich besessen davon, exakt die einheimische Norm zu treffen, um weder geizig noch großkotzig zu wirken. Bei jedem Bezahlvorgang war ich gestresst und verunsichert. Irgendwann erkannte ich: Kaum eine Kultur hat derart rigide Erwartungen, wie ich angenommen habe. Und im Zweifelsfall kann man einfach fragen.

Wann immer ich mein E-Mail-Postfach oder meine LinkedIn-Inbox öffne, muss ich an dieses Problem denken – denn die Frage danach, wie ich mit der Unzahl an Nachrichten umgehe, die ich täglich bekomme, beschäftigt mich in ähnlichem Ausmaß. Ich bekomme neben meinen Arbeitsmails auch unfassbar viele Nachrichten von Menschen, die ich nicht kenne.

Weil ich eigentlich den Anspruch habe, auf alle Nachrichten zu antworten, gerate ich regelmäßig in ein Dilemma: Mein Glaubenssatz „Ich bin ein netter Typ, und nette Typen antworten, wenn man sie was fragt“ kollidiert mit meinem Vorhaben, den größten Teil meiner Arbeitswoche auf Dinge zu verwenden, die wirklich wichtig sind, weil sie mich oder meine Organisation voranbringen. Nachrichten bei LinkedIn und E-Mails zu beantworten, zählt in der Regel nicht dazu.

Willkommen im Endzeit-Kapitalismus

Eine illustrierte Figur liegt auf dem Rücken, auf dem Bauch steht ein Laptop und viele Nachrichten ploppen auf.
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Ich muss also zwei Dinge, die mir wichtig sind, gegeneinander abwägen:

  • Ich möchte meine Zeit produktiv nutzen für Dinge, die einen echten Unterschied machen.
  • Und ich möchte kein Arschloch sein, das auf nette Nachrichten von mutmaßlich netten Menschen nicht antwortet.

Unsere moderne Arbeitswelt und insbesondere Tools wie LinkedIn erzeugen Erwartungen von permanenter Verfügbarkeit. Erschwerend hinzu kommt, dass ich mich als Verfechter von Inbox Zero darauf trainiert habe, auf jede Nachricht kurz zu reagieren, sofern sie kein Spam, unverständlich oder unverschämt ist. Und zwar am besten schnell. Denn wer schnell antwortet, ist auf Zack und funktioniert wie ein gut geöltes Rädchen im Getriebe.

Was mir bei der Auflösung des Problems geholfen hat: Zwei Menschen haben einen klugen Gedanken und eine kluge Frage mit mir geteilt.

  1. Kommunikation erzeugt immer Gegenkommunikation. Das mag banal klingen. Aber es half mir, das einmal explizit anzuerkennen. Wenn ich mich öffentlich äußere und als Person sichtbar mache, dann muss ich damit rechnen, dass sich Menschen bei mir melden. Und ich brauche eine Strategie, damit umzugehen.

  2. Ich muss mir die Frage stellen, was mein Job eigentlich ist. Auch das klingt wahrscheinlich banal, hilft aber ungemein: Habe ich irgendwo einen Vertrag unterschrieben, der mich verpflichtet, alle Nachrichten zu beantworten? Und auch abseits von solchen Verpflichtungen: Wann mache ich meine Arbeit gut? Was muss in einer erfolgreichen Woche Platz finden – und was sollte wie viel Raum bekommen?

Was ich konkret daraus gemacht habe: Ich habe mir ein festes Zeitkontingent für das Beantworten externer Nachrichten gegeben, das etwa eine Stunde pro Woche beträgt (und nein, ich bin nicht so rigide, dass ich versuche, die Zeit exakt einzuhalten).

Diese Zeit schiebe ich bewusst ans Ende der Woche. So stelle ich sicher, dass erst die Dinge stattfinden, die mir wichtig sind (z. B. diesen Text zu schreiben), und im Zweifelsfall die Dinge hinten runterfallen, die mir nicht so wichtig sind (z. B. Nachrichten auf LinkedIn beantworten).

Wie beim Trinkgeld merke ich: Es gibt keine perfekte Lösung. Und niemand wird nachhaltig böse sein, weil ich eine Nachricht nicht beantworte. Und falls doch, dann ist das eben der Preis dafür, dass ich den größten Teil meiner Zeit für noch wichtigere Dinge verwende.

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