Kolumne „Kinski meets McKinsey“

Folge 1: klassische Strategieberatungsfirmen

Viele von uns hegen den Verdacht schon lange: dass die Welt besser dran wäre ohne Beratungsfirmen wie McKinsey, BCG und Roland Berger. Weil sie unseren Planeten und die Menschen darauf zerstören. Weil ihre Methoden manchmal die Grenze zur Industriespionage schrammen. Und weil die Führungskräfte, die wir uns wünschen, keine externen Sündenböcke mehr brauchen. Was die Welt stattdessen braucht, versucht dieser Beitrag zu zeigen.

Aber fangen wir erst mal ganz von vorne an.

In meinen Augen war die perfekte Zeit des BCG-Beraters die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die andauernde Erklärung der Welt in drei Schritten, blitzschnelles Kopfrechnen und andere geistige Taschenspielertricks („Wie viele Moosentfernungsunternehmen gibt es in Shanghai?“) waren damals wohl der absolute Hot Shit.

Auch in den 90er-Jahren ging es gut weiter: Die ganze Welt in PowerPoint-Folien, Gantt-Charts und Excel-Tabellen zu erklären, kam in der damaligen Management-Welt sicher an wie Schokokuchen mit Gummibären auf einem Kindergeburtstag. „Endlich spricht hier mal jemand meine Sprache“, sagte der Chef, zündete sich eine Davidoff an und ließ die Sekretärin eine neue Kassette ins Diktiergerät legen.

Inzwischen sind wir im 21. Jahrhundert angekommen. BCG und Co. stehen noch immer für schnelle Analysen, die starke Vereinfachung komplexer Sachverhalte und ihre leicht verdauliche Aufbereitung in 2×2-Matrizen. Sie arbeiten als Task-Force, die immer erreichbar ist und selbst auf E-Mails in Sekundenschnelle reagiert. Menschen in Anzügen und ohne private Bedürfnisse, die auch dann nicht jammern, wenn das Wochenende durchgearbeitet werden muss, weil dem Kunden am Freitag erst einfällt, was er am Montag gerne seinem Vorstand präsentieren würde. Solche Berater sind der Albtraum des Betriebsrats und der Traum des Managers.

Der kauft sich schnelle Lösungen auf komplizierte Fragen. Er kauft sich aber auch Rückgrat. Denn wer einen externen Sündenbock vorschieben kann („Der McKinsey hat gesagt, wir müssen diese Stellen streichen“), dem fallen unliebsame Entscheidungen viel leichter.

Er kauft sich unter Umständen auch ein bisschen Industrie-Spionage, denn der Partner, der ihm die eigene Branche erklärt, kennt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die wichtigsten Wettbewerber und deren Wachstumsstrategien.

Warum das nicht lustig ist

Jeder kennt die Geschichte vom Berater, der davon lebt, ständig neue Probleme zu schaffen, für die er dann wieder Lösungen anbietet, die dann wieder neue Probleme schaffen und so weiter. Die Geschichte könnte lustig sein. Doch sie ist es nicht, wenn der Schaden, der dabei entsteht, uns alle schon heute betrifft. Ich möchte das an drei Beispielen zeigen.

Zum einen ist da die Ausbeutung der Menschen, auf denen das System Strategieberatung beruht: Der durchschnittliche Berater verbleibt zwei bis drei Jahre im Job und erwirtschaftet dabei einen Umsatz für seinen Arbeitgeber, der das eigene Einkommen um ein Vielfaches übersteigt. Und er wird ermutigt, mit seinem Einsatz Raubbau an sich selbst zu betreiben, permanent die Extra Mile zu gehen und Ownership bis zur Selbstaufgabe zu übernehmen. Ein System, das einen nach zwei bis drei Jahren wieder ausspuckt, interessiert sich nicht dafür, ob man in diesen Jahren seine Gesundheit ruiniert, den Großteil seiner sozialen Kontakte verliert und seinen Charakter verdirbt.

Die Ausbeutung der Menschen ist, einen Schritt weiter gedacht, auch eine Ausbeutung der Gesellschaft: Wer von seiner Anstellung zu 100 Prozent absorbiert wird, der hat keine Zeit mehr, ein guter Bürger, ein guter Vater oder eine gute Mutter zu sein. Er hat noch nicht einmal Zeit dafür, sich darüber zu informieren, was in der Welt um ihn herum gerade geschieht. Dazu kommt, dass unsere Gesellschaft viel Geld in die Ausbildung guter Ärzte, Juristen und Wissenschaftler investiert. Wenn diese dann in der Strategieberatung arbeiten und ihrem Arbeitgeber satte Umsätze bringen, ist das indirekt durch jeden Steuerzahler mitfinanziert.

Damit kommen wir zum letzten und meiner Meinung nach wichtigsten Punkt: Die Firmen, um die es hier geht, bilden die Speerspitze eines Systems, das gerade dabei ist, unseren Planeten zu zerstören. Sie predigen ihren Kunden unbegrenztes Wachstum, und mit begrenzten Ressourcen gehen sie zuweilen so um, als würden diese unendlich nachwachsen. Für einzelne Meetings fliegen sie zwischen Kontinenten hin und her: nach Südafrika, Indien oder Australien für nur wenige Tage. Um dort Excel-Tabellen und PowerPoint-Folien zu füllen. Einfach weil sie es können.

Das mag als unwesentliches Detail abtun, wer noch immer die Augen vor der Tatsache verschließt, dass der Klimawandel die größte Katastrophe unserer Zeit ist. Und dass jeder von uns einen Teil der Verantwortung dafür trägt. Und dass diese Verantwortung nicht damit abgegolten ist, unter seine E-Mails „Please consider the environment before printing“ zu schreiben.

Es ist Zeit für euch zu gehen

Doch so wird es nicht ewig weitergehen. Zwar hält sich dieser Beratertyp bisher tapfer und passt sich an, so gut es geht. Als Opportunist par excellence schlägt er in jede Kerbe, die gerade in Mode kommt. In der Hoffnung, damit noch ein bisschen Zeit zu gewinnen: Er schnappt sich das Thema Nachhaltigkeit und meint damit nachhaltig unbegrenztes Wachstum. Er schnappt sich das Thema Digitalisierung, in der Hoffnung, dass auch dieses sich mithilfe von PowerPoint und Excel erklären lässt. Und seit Neuestem predigt er auch noch New Work, ohne zu verstehen, dass damit im Kern die Abschaffung seiner Gattung und allem, wofür sie steht, gemeint ist.

Denn Unternehmen brauchen heute keine Berater dieses Schlags mehr, um die Welt zu verstehen: Sie sollten sich stattdessen öffnen, vernetzen und voneinander lernen. Es betritt ohnehin gerade eine Generation die Arbeitswelt, für die das Teilen von Wissen und die Vernetzung selbstverständlich sind. Und in deren Welt jeder Mensch ohnehin nur drei LinkedIn-Verbindungen entfernt ist.

In der alten Welt stützten Berater eine Manager-Spezies, die sich den Anstrich männlicher Unfehlbarkeit gab, dabei aber keine ungeliebte Entscheidung selbst verantworten konnte. An ihre Stelle tritt eine Generation von Führungskräften, die keine externen Sündenböcke mehr braucht. Führungskräfte, die Entscheidungen mit Rückgrat treffen und sich trotzdem fehlbar und verletzlich zeigen. Mit einem Team im Rücken, das – anstelle eines externen Beraters – in alle Entscheidungen eingebunden wird.

Immer mehr Unternehmen begreifen bereits, dass sie sich nur aus sich selbst heraus verändern können und dabei wenig von Beratern zu erwarten haben, die ihnen Jahr um Jahr einen neuen Change-Prozess verkaufen.

Wir sollten alle daran mitwirken, diese Berater in den wohlverdienten Ruhestand zu entlassen. Wir sollten Unternehmen bauen, die einen Sinn abseits der Rendite haben, die miteinander sprechen und voneinander lernen. Die klug geführt werden, ihren eigenen Mitarbeitern mehr vertrauen als externen Beratern. Und für die Verantwortung mehr ist als ein Buzzword.

 

Anmerkung: Der Autor hat selbst anderthalb Jahre für eine der genannten Firmen gearbeitet, ist gut im Kopfrechnen und schämt sich für seinen eigenen ökologischen Fußabdruck der damaligen Zeit.